Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell. Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen. Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.

Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte, wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte. Sie verehrte sie wie heilige Tiere.

Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann. Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah jedoch, wie Urbacher es voraussah.

Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied, begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.

Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: „Bleiben wir noch.“

„Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,“ mahnte Mannsthal.

„Steigen wir aus,“ bat Vögelchen. „Ich will nicht bei Sturm auf dem See sein, bitte, Va.“ Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.

„Unmöglich, Kind.“

In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu weichen.

„Ich möchte dort wohnen,“ sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.