„Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?“ rief sie.

„Nichts kann hiezu geschehen,“ sagte er.

„Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?“ fragte sie weiter.

„Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,“ erwiderte Mannsthal.

„Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,“ fragte sie, sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr sie fast böse auf. „Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß bleiben, es ist das einzige Obdach,“ jubelte sie.

„Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,“ sagte Mannsthal fast höhnisch, als wollte er sich rächen.

Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten, daß sie dort heimlich spiele.

Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief nach dem Kinde — kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen. Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. — In der kleinen Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen. „Vögelchen,“ rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ. Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher sie so in den Armen gehalten, „zurückgewichen in die bewußtlos-fromme Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß“. Er fühlte ihren zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme, in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend: „Führ’ mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich will das Feuer nicht sehen.“

„Kind, Kind,“ bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen. „Ich komme wieder,“ sagte er. Da ließ sie ihn.

Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand, preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab. Das brennende Haus war die Leuchte.