Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben. Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses, das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war. Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen, über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann, oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen oder sie zu sich zu rufen.

Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.

Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen, eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt, die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich offene Türen zu finden.

Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen. Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden, die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen, was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.

Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu wiederholen.

Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf eine merkwürdige Art löste.

An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße. Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt, über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung trübe war.

Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil.

Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt, der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war, ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung unter dem Auge der Familie zu scheuen.

Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an, ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt, daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen, das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu und flüsterte: „Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin ist?“