Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß sie das „pas avant les enfants“ vergessen hatte, als sie nun das Wort ergriff, um dem Hotelier zu antworten: „Wir sind alle der Meinung, daß es unmöglich ist, diese — diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.“
„Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,“ sagte der Pächter. „Wir befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.“
„Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,“ sagte die Baronin. „Man hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten, mit dieser — dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.“
Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. „Verzeihen Sie, Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine Verunglückte vor die Türe setzen?“
„Nun dafür gibt es Beispiele,“ erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. „Ich habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die in unserem Hotel einkehren wollten.“
„Das ist abscheulich,“ sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in sichtlicher Erregung. „Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier schlafen?“ rief sie. „Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man mich auch verjagt.“
Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre Augen.
„Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich keiner der jungen Leute bereit erklärt,“ sagte Urbacher.
„Nein, das dürfen Sie nicht,“ unterbrach ihn der Baron. „Ich wäre ja auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu begehen.“
„Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.“