Adalbert Mannsthal

„Il avait toujours eu le malheur d’être riche.“

(Romain Rolland
„Dans la Maison“)

Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen — sie waren etwa fünfzehnjährig — von „Unerlaubtem“. Einer von ihnen führte das Wort, manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. (Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des mächtigen Fabriksherrn und sagte:

„Mach deinen Knix, Loli.“

Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte treuherzig: „Grüß Gott!“

Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: „Grüß Gott!“

„Willst du spazieren gehen?“ fragte er.

„Gern,“ sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.

„Wollen wir in den Wald gehen?“ fragte er. Sie klatschte in die Hände.