„Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella Mannsthal in die Welt.“
„Ja, morgen fahren wir in die Welt.“
„Du Glückliche,“ seufzte Kruger, „wenn du wüßtest, wie ich mich hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, wird der große Brand über dich kommen. Sieh,“ fuhr er in schlichter Ergriffenheit fort, „dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das Feuer.“
Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: „Lass’ dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. Ströme aus in unendlichem Geben.“
Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel mehr, als er sagte: „Tu es mit ganzer Seele.“ Sie sah nicht, wie seine bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum erloschenen Fenster Mannsthals.
„Ich werde dich wohl nie mehr sehen,“ sagte sie traurig.
„Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum Äußersten stärken.“ Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.
„Schreib mir,“ hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten durchschauert.
Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt in die Landschaft ...
Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in verschmachtendem Schmerz.