„Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, mehr als Recht und Ehre. Kehr’ in dein Leben zurück, das du dir freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.“
Die Frau stand auf. „Treib’ es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind im Auge zu behalten.“ Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt herankam, grüßte er.
„Auf ein Wort, bitte.“ Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:
„Was wollen Sie?“ Ein Bettler war das nicht.
„Ihre Adresse,“ sagte Kruger — „für alle Fälle.“
Die Dame erbleichte. „Wer sind Sie,“ stieß sie hervor.
„Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches Postamt?“
Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.
Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als gelte es eine Erscheinung zu fassen: „Wieder auferstanden?“ sagte er grinsend.
„Schweig,“ flüsterte sie. „Va braucht uns nicht gleich zu hören und Camill verrät uns.“