„Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir’s zeigen, daß du kein Junge bist.“ Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.
„Pfui, du bist ungezogen,“ rief Loli entrüstet. „Ich dachte, daß du ein feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.“
„Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. Dann ist’s aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, daß du kein Junge bist.“ Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und erschrocken aus. „Ihr Jungen seid böse,“ sagte sie.
„Hat denn schon einer das von dir verlangt?“
„Ja,“ sagte sie. „Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.“
„Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, Loli!“ Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten flehend in die ihren. „Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.“
Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.
Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er fühlte sich als Kronhüter.
Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes Bild. Wie im Traum.
Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen Seele sei die große Botschaft an Europa.