Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen Seele des Russen, die durch alle „Fegefeuer der Zweifel“ zu Gott ging und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder Anbetungswürdigkeit.
Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.
Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie sah, staunte er. „Sie ist erblüht,“ sagte er sich. Er erkannte den klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.
Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über gleichgültige Dinge. „Nun muß ich zurück,“ sagte er. Sie traten den Heimweg an.
Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. „Frühling,“ dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war ihm verfallen. Er wußte es.
Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines Tages fragte er sie — er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.
„Aber du liebst mich ja nicht,“ sagte sie, als sie allein waren. Seine Werbung schien ihr unwahrscheinlich.
„Nein, ich liebe dich nicht,“ antwortete er. „Ich liebe die kleine Loli.“
Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu treffen.
„Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?“ fragte ihn der Graf.