„Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und ihren Verstand zu verwirren,“ erwiderte er.
„Gib es auf, ein Herr zu sein,“ riet Karinski.
Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. Später verheiratete sie sich.
Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola geheiratet? Vielleicht — weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich für die Einrichtungen des Staates.
Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.
Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in Verbindung.
Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren (als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes Kleid.
Am Wege
Vögelchen schrieb an Student Kruger: „Ich weiß Ihre Adresse nicht. Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr Prediger, was ist’s mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon fertig? Haben Sie eine Braut genommen?
Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.