Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens

Arabella Mannsthal.

P. S. Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie vorzubereiten.“

Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der Zauberer zum Helden geworden.

„Das ist dein Geheimnis?“ fragte Arabella noch atemlos.

„Ein Scherz vorläufig,“ sagte er lächelnd.

Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals.

„Das ist Arabella, du weißt —“ stellt Mannsthal vor. „Ein alter Freund, Graf Karinski.“ Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder mehr. Er trug sich ein wenig à la Lord Byron und hatte ein Gesicht, dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt würde tragen können ohne zu erlahmen.

„Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,“ sagte er und sah sie an wie ein treues, derbes Tier. „Ich darf du zu ihr sagen, darf ich das, Porzellankindchen?“

„Ihr werdet bald gute Freunde sein,“ ermunterte Mannsthal.