„Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu sprechen war — aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.“

Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl einem Kinde zu beichten.

„Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,“ sagte Vögelchen böse. „Ich wäre daran gestorben.“

„Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,“ sagte Karinski, „alle Qual, die seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.“ Und er fuhr fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren.

Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft versicherte und zu einem Briefwechsel lud.

Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem „Mannsthal-Gleitboot“ hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu hinterlegen.

Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.

Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte „es“ geschehen, ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.

Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann — ein verhüllter Zug, der ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel schwebte heran. „Laß ab,“ beteten die Seelen der blinden Mädchen. „Wirf nicht Brand in den Schnee,“ flehten die Kelche der Lilien. „Rühr mich nicht an,“ sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. „Fliehe,“ säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:

„Laß ab!“