Und das Licht war ein Mund und posaunte:
„Laß ab!“
Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh’ sie ihm erwachte, war sie ihm und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?
Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.
Die Blinde
Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend. In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie. Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige, weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da: ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos mehr.
Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war! Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt.
Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert, sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne. Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte. Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten. Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet. Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen. Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte. Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages, als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte „oben“ gewesen sei.
„Oben?“
„Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier Jahren.“ Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar. Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde, läutete die Glocken.