„Tust du es gern?“ fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.
„Ja,“ sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde, das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm geholt und den Schaden ausgebessert.
„Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,“ fragte Vögelchen. Davor bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen, Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß wußte durch ihre Nacht.
Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war glücklich.
Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte, der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.
In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet.
Minen
An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an den unscheinbaren Gräbern vorbei.
„Hier liegt sie, Herr,“ sagte der alte Mann und trat zur Seite, die Kappe in der Hand.
Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete, gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich. Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr, der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege, die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift ins Blut. Eine Mine war gelegt.