Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte. Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem Freunde Konrad Kruger Mitteilung.
Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer, aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang.
Konrad Kruger schrieb an Arabella:
„Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit dem meinen.
Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort, wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen, wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel, ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn, den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte, in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel, Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele handeln. „Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.“ Sie wird sich anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen sein.
Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag’ ein Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen. In unwandelbarer Treue
Konrad Kruger.“
Arabella antwortete:
„Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen. Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles? Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre
Arabella.“