Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das folgendermaßen lautete:

„Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben, ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert, bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr. 12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie, weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat. Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich mich gut fortgebracht habe.

Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich Ihnen und verbleibe grüßend

Camillo Custove.“

Ein Heim

Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote Flecken — Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter glich —, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte „der junge Herr“ schon des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist heimgekehrt.

Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.

Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der „Hochwarte“ erscheinenden „Kritiken der Lebensführung“ war, die eine stupende Kenntnis geheimer Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. Daraufhin verließ Konrad das Haus.

Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: „Warten Sie ab.“

Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am See nur seiner Arbeit an dem Buche „Von St. Bernhard“, den Wanderungen in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für seine Absicht entschieden. Er schrieb: