„Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden. Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger, Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße.
P. S. Bitte um Diskretion.“
Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und Erwartung.
Er las: „Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen, erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.“
Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte. Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles, was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter, Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum, in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm Mut und er begann:
„Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.“
„Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,“ unterbrach die erbleichende Frau die einstudierte Rede. „Machen Sie mich nicht noch unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar. War je eine Mutter unglücklicher?“
„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren. Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.“
„Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben Sie Briefe?“
Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle: