Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs Hand und küßte sie.
„Ich hab’ immer gespürt, was du wert bist,“ sagte er.
„Auch jetzt noch, Konni?“
„Auch jetzt noch, jetzt erst recht.“
„Mit der Seele Lauterkeit ...“
Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen, erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schloß sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel:
„Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewiß, ich werde Dich wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es nötig sein wird, werde ich Dich mit meinen Händen aus allen Fährnissen tragen. Immer werde ich in Deiner Nähe sein. Vergiß das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich weiß, Du fürchtest Dich vor dem Rätselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch ich bin fortan bei Dir. Du mußt bald, bald Deinen Berg verlassen, denn sonst müßte ich in einer Eishöhle hausen oder mich als Kellner oder Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so schön. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz aufgewühlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzählt, Hedwig, weißt Du, die von den Eltern verstoßen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. „Wenn Du ißt und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden tauchen,“ das stand über ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das, mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen, und sei es aus Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich herankriecht.
Konrad.“
Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja, er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat, Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen, verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen, bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt, aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten. Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe.
„Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,“ rief leise eine heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. „Komm heraus! Komm heraus!“ rief es dort. „Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß tanzen.“ Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht und Wald hinein.