„Ja Frauen, die haben geheime Kräfte.“ Ein trauriges Lächeln umspielte ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklärten Aufblick.
„Weißt du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts weißt du. Hast nur gehört, daß ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin und die Ehre der Familie nicht respektiert hab’ und schließlich nicht zu Kreuze kriechen wollt’. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber meines will ich dir jetzt sagen, damit du klüger wirst daran.“
„Aber reg’ dich nicht auf, Hedi, hörst du. Dann will ich lieber nichts wissen.“
„Also erinnerst du dich, daß man mich zuerst wie Selma in die Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im Zeichnen, ein aufgeklärter Mensch. Nun du weißt, wen ich meine. Der ging zu Vater und sagte, ich hätte Talent und ich sollt’ das zweite Jahr noch absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunächst unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter, die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer Schule in München. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die alle sehr für meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?“
„Die Jungens verliebten sich alle in dich.“
„Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es wäre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in München bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide untergebracht sein würde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem Malerdorf. Dort hat sie den unglücklichen Hügler kennen gelernt. Wäre der dann nicht abgestürzt, es wäre vielleicht manches anders geworden. Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er hätte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich erst, daß auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wußte ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war, keiner schien es vom anderen zu wissen, daß er mich zur Frau wollte. Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich traf beide heimlicherweise und hätte weder den einen noch den anderen verstoßen können. Im Fasching kam dann Hans, um in München zu bleiben, gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der Lehramtsprüfung für Zeichnen begann, den ich für alle Fälle machen sollte. Weißt du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch später gerettet. Ich hatte auch schon öffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium. Aber ich wußte: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurück; das ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich, wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und ich durchtobten den Fasching. Aber da spürte ich plötzlich, ich liebe ja gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke mir, er muß sich doch freuen, daß ich den Bruder, den er so verehrt, so lieb habe. Und nun geschieht etwas Häßliches. Hans sagt mir, daß er selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, daß er von meiner frommen Liebschaft mit dem Bruder gewußt habe und daß er, Hans, uns beide oft belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, daß er immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstört meine Sachen. Auf der Reise faßte ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich telegraphierte, daß ich später eintreffen würde, und fuhr zu Hermann. Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wußte nun: da ist dein Glück. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht beisammen. Er rührte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen später wußte ich, daß ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter an. Sie hörte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hörte: „Du darfst Hermann nichts sagen, du mußt dir das Kind nehmen lassen.“ „Das ist ja Betrug, Mutter,“ sagte ich, „Verbrechen!“ Alles, alles wollt’ ich, nur nicht tiefer in Lügen geraten und Abscheulichkeit. „Du hast den Weg des Bösen eingeschlagen,“ antwortete sie. „Jetzt geh den, der nicht andere mit ins Unglück stürzt.“ Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann schrieb an Hans, er müsse zurückkehren und mich heiraten. Aber dem widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer hätte ich Hans, der sich heimlich an mir rächte, zum Manne wollen. Nach schwerem Kampf schloß mich Hermann wieder an sein Herz, er würde zu vergessen suchen, daß Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus München. Hans war vom älteren Bruder abhängig und wollte nicht eingestehen, daß er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er erklärte, ich wäre ihm nachgelaufen und hätte mich ihm aufgedrängt. Den Fasching hätte ich so wüst verbracht — daß wohl ebensogut Herr X. oder Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dächte nicht daran, mich zu heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm eröffnet hätte, daß ich keinerlei Neigung mehr für ihn habe. Er sei überdies so gut wie verlobt mit einer Brauerstochter, einem reichen und anständigen Mädchen.“
„Hund,“ knirschte Konrad.
„Ach!“ sagte Hedwig traurig. „Er war kein Hund. Er liebte mich und deshalb trieb ihn der Haß. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun hält er’s bei ihr nicht aus und läuft mir die Türen ein. Aber ich habe den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn küssen will. Nun höre weiter, das Böseste kommt erst. Hermann erklärte also daraufhin, von mir nichts wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam verstört nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort. Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen machen würde. Aber in mir war der feste Entschluß das Kind zu behalten. Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in keiner Weise. Das Einzige, was Vater für mich tat, war, zu erwirken, daß ich meine Lehramtsprüfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich. Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort würde ich wohl freier sein und vielleicht die Möglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr nach München, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit würden sie mir verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht. Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Unterstützungen und Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten, waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr. Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verödet. Ich saß im englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorüber. Noch heute weiß ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte zurückkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles war düster und leise. Es fiel mir zuerst auf, daß man dich weggeschickt hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfüllt und maß dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich sollt’ mich nicht länger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er würde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem trennen würde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wäre. Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum. Die Luft schon war bedrückend. Zwei Betten standen da, in dem einen schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Füße trugen mich nur mehr zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gerät. Ich wußte mit Grauen, hier wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie müsse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es würde niemand zu mir hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem gläsernen Sarg. Ich erwachte, als draußen die Tür aufgesperrt wurde und das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder und eine entsetzliche Angst befiel mich, daß es vorzeitig geschehen konnte, daß das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen würden. In den Schmerzen fühlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien. Ich war voller Haß, daß man mich hier elend verkommen ließ, daß man mich morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hörten die Schmerzen auf. Ich lag wie gerädert. Die nebenan rüsteten indes wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann die Tragödie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in nackten Bildern vor mir. Aber nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte. Ich stand auf; eh’ die Alte wiederkam, war ich auf der Straße. Es war spät abends, ich rief einen Kutscher an, ließ mich auf die Klinik fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die Schwestern und Ärzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber erst eine Woche später kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich sei, und daß sie doch meinen Tod nicht hätte verantworten wollen, bat Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das Schreckliche lesen würde, sah schon den geliebten Namen schwarz umrändert mir entgegenstarren. Zum Glück blieb Vater am Leben. Er war gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte, verausgabte ich für Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede, niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude über die Hartherzigkeit der „Herrschaften“ lud sie mich zu sich ein. Als der Mann des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt. Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhüllten Säuglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun brachte man mich ins Spital zurück und das Ärgste war, man trennte mich von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte. Nachts hörte ich sein Schreien lange in den hallenden Gängen, wenn man es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug. Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nähe. Das Kind wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war es, wie es nun Hans ähnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, daß das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wäre es dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmächtig fort. Konnte ich denn das Kind dieser Engelmacherin überlassen? Es mußte ins Spital, es war ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es würde erst in einigen Tagen ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war natürlich nicht erbaut über den kleinen Mitbewohner, der nachts erbärmlich schrie. Maries Unterstützung war nahezu aufgebraucht. Da trug ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen die Kinder in den Wiegen im Garten draußen. Als ich an einem leeren Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So entging ich der Abweisung. Ich tat es und flüchtete dann wie eine Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu Hermann. Ich fand ihn, erschrocken über mein Aussehen, erschüttert über das, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm, daß ich eben das Kind durch das Gitter des Spitalgartens beobachtet, daß es schon wohler scheine, ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er würde dann nicht mehr zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das Kind als das seine anzuerkennen. Er würde dann sogleich um seine Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen würde. Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der vielleicht andern Sinnes werden würde, auch würde er mir noch eine staatliche Anstellung sichern können. Hans war verheiratet und verdiente nichts. Ich lehnte es ab Unterstützungen von dem Geld seiner Frau zu beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, daß er nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß er ja an meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, daß er an meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen später, als alle Formen erfüllt waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern. Hermann verlangte, daß ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann erklärte, daß er nun getrennt von mir leben würde und ihren Schutz für mich erbäte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber obwohl ich wußte, daß unsere Ehe nur zum Schein war, ich mußte Hermann verteidigen, ich mußte an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den Eltern auseinander.“
„Und er ließ dich dann mit dem Kind allein zurück?“ fragte Konrad. Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, daß sie weinte, aber er fühlte es.
„Ich selbst habe ihn fortgeschickt,“ sagte sie. „Ich hatte ihn zu lieb.“