Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen. Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an, sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet. Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten, die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen. Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen, wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume, eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel.
Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ, entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit, den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war.
Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm, kniete an seinem Bett nieder und weinte lange.
Der Retter
Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. „Und das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei es aus Galle und Unflat.“ In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor. Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille, dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest.
„Sie sind nicht wohl,“ fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. „Darf ich Ihnen einen Wagen besorgen? Oder wollten Sie —?“ Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln auf den Fluß hinab. „Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.“
Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an.
„Ihre Adresse?“
Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst, freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur. Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht.
Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte, allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich breitete.