Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück.
„Jetzt nicht,“ keuchte er. „Es ist einer bei ihr.“ Sein Freund, der Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit.
Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: „Mein Herr, folgen Sie mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.“
„Hund,“ knirschte Norton zwischen den Zähnen.
Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. „Ich weiß, was ich sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt. Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.“
„Sie sind wahnsinnig!“
„Das wird das Gericht feststellen müssen.“
„Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können nichts beweisen.“
„Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig gelegen,“ sagte der Zerlumpte. „Zahlen Sie — und wenn Sie wiederkämen, dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.“
Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand, indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle verschwunden.