Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen. In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte.

Konrads Irrfahrt

Als er in Paris angekommen war, fand er es zunächst erstaunlich, daß, wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen Tischen dichtgedrängt auf der Straße saßen und trotz des betäubenden Straßenlärms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebärdeten. Nach der Schwüle der unbequemen Fahrt atmete er erlöst die Luft, in der er wie in einem flüssigen Duft die Meeresnähe zu spüren meinte. Wie ein Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das Leben umfängt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast fiel von ihm ab. Am liebsten hätte er den heiligen Boden, der Ariel trug, geküßt, knieend ihn begrüßt und schwer nur trennte er sich von den Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reiseführer ausgewählt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach seiner Berechnung konnte sie schon am künftigen Tage eintreffen. Ja, es war nicht unmöglich, daß er selbst erschien und heimlich Vögelchen mitgeflattert kam. Es fand sich, daß die Angaben des Führers in bezug auf Hotel Riat von der Wirklichkeit überholt waren. Man hatte da einige Neuerungen und Verschönerungen ausgeführt, die den mäßigen Preis, der Konrad dahin gelockt hatte, um ein Beträchtliches erhöht hatten. Man empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer — eine Kiste mit Büchern und Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen — nicht sonderlich erfreut. Er war indes vorläufig mit allem zufrieden und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken für den Türschlüssel das Brieffach der Mieter sich befand, gähnte ihm das seine leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, daß alsbald die zweite Post eintreffen würde. Er setzte sich in die Frühstücksstube, nahm, da er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete. Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttäuschung. Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vögelchen waren da und sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jünglings Bestürzung gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehäuser zu frühstücken, wo man stehend seine Tasse Kaffee tränke und nur wenig zu bezahlen hätte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straßenleben, das starke Augenblicksgefühl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphärisch sich mitteilt, berauschte ihn, daß wie in einer Vision, wie aus einer Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es erschien ihm nun ferner und märchenhafter denn zu Hause, als er aus Büchern und Bildern seine Schönheit zu enträtseln sich mühte. Er verstand sogleich, weshalb es die Künstler aller Länder in diese Stadt zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der Kontrast vom heiß pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und jenes zauberhafte Verlorensein in einer betäubenden Vergangenheit. Das Erlebte konnte sich in die Dämmerung des Entschwundenen retten, das seine Denkmäler zurückgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein, immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen der Zeitenläufe, die starke Lebendigkeit und das legendäre Schweigen der Steine rätselvoll. Alles Geschaut-Erträumte lebte sich aus in diesem Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genießen schien nicht Müßiggang und Arbeit Genuß. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und spürte sie nirgend stärker. Als er im Luxembourggarten saß, von Studenten umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der Dichter, die hier geträumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontänen und Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu träumen und fürchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im Elternhaus oder in einem der gewohnten Gärten der Vaterstadt. Er betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der Vorübergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und sich köstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzückung machte sein Herz schwellen. Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab, belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum saß er da, dieweil schon in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit aus Ersparungsrücksichten und auch, um nichts vom Straßenbilde zu versäumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die Buchtrödler, er wühlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte ausgehängt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte, waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so gewisser würde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel zurückgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es dumpf nach der Seife seines Vorgängers roch, und warf sich auf das Bett. Von draußen kam der Straßenlärm, den der nahende Abend zu verdoppeln schien. Er fühlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der großen, fremden, rätselhaften Stadt. Und plötzlich fiel ihm auch seine Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag versäumt, es war nichts geschehen für das Brot, das ihn nährte. Wo war Ariel?

Am nächsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schließlich nach Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika Gallo, sie möge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim für ihn nicht postlagernde Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunächst bezog er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurück, bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem Gedanken abzuquälen, Vögelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil über sie hereingebrochen, während er, der Retter, vielleicht ganz nahe, ohnmächtig sie suche. Stundenlang saß er in den Champs Elysees und fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute, die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst entsann er sich seiner Bücherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu seinem Schrecken erfuhr er, daß diese mangels Nachfrage in ein entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu verlieren einen beträchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer Lebensmut. Er sagte sich, daß er es so nicht weitertreiben könne, lieber wollte er still auf den Zufall warten als sich müde hetzen, ihn gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nächsten Tage galten dem Besuch des Louvre und der übrigen leicht zugänglichen Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er Verzückungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu erklären, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevölkern. Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Türme sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die sagenhaften Vögel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen, Drachen, Affen, Gespenster und Höllenzwerge, gepaart oder einzeln, stierten ihn wissend an, als ständen sie gerade mit ihm in geheimnisvollem Einverständnis, als hätten sie Jahrhunderte lang geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu übermitteln, ihre Rätsel nur ihm zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte das zwölfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein berührte. In Saint Germain l’Auxerois entzückte ihn die heilige Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Träume mit Ariel vermengten. Sie trägt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich auszulöschen müht. Er meinte Vögelchens Kinderhände zu sehen und das Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn der Regen durchnäßt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen worden. Manchmal fühlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit allen Mitteln ausstoßen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine Wand zwischen sie und ihn. Oft fürchtete er nach dem Mindesten zu fragen, um nicht lächerlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein, der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer für einen Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur großen Maschine dieser Stadt zu gehören, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstieß.

In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und erstickte seine Unrast in den Büchern. Sein Zimmer war ja nur ein finsteres Loch, in ein düsteres Gemäuer gehöhlt, das ameisengleich bewohnt war. In den schönen Sälen sparte er Licht und der Regen verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, daß er seinen Heiligen Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst Lebenszweck in erhöhter Form gewesen wäre, Studium, Kunstbetrachtung, innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betäubung, gelinder Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen ließ, die ihn Ariels beraubte. Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hört, verborgen, unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht teilhaftig werden.

Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was für vornehme Sachen dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte würde für Charles sein, wenn er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen für Gaston. Vermißte er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie besorgte ihm die Wäsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Söhne. Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzüge nicht, Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown zuweilen ein paar Francs über seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad umständlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er hätte sicher Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand würde ihn besser zu führen verstehen als die Brüder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hörte mit geheuchelter Entrüstung die Vorschläge ihrer Sprößlinge. „Aber nein, welch ein Einfall, der Herr ist doch zukünftiger Priester,“ rief sie aus. „Und was macht das,“ fiel ihr Gaston in die Rede. „Was, Charles, du erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad!“ „Nun ja, aber treibt es nicht zu bunt,“ sagte die Witwe mit Würde. Konrad war nicht gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen Beobachtungen, seine Kritiken über Lebensführung hatten hier noch keine Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein die Brüder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten für ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ändern. „Es gibt Sonntage und Sonntage,“ sagte Charles, und sie zogen aus. „Wissen Sie, bei uns unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen,“ erklärte Gaston und sogleich, als hätte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus dem gegenüberliegenden Haustor zwei geschminkte Mädchen, die dort schon auf den Auszug der Brüder gewartet hatten. „Seid vernünftig, Kinder,“ ermahnte Charles, „der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krüschee sprach er es aus), sind Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer Posamenteriefabrik beschäftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert sind.“ Sogleich bekam Charles einen Schlag für seine allzu ausführliche Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen ließ, hielt sich sogleich an den „Herrn Abbe“ und erzählte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der Gasse gesehen und bedauert, daß er von ihr keine Notiz genommen. Gaston schlug vor, daß man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den äußeren Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab. Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. „Da ist es doch hübsch,“ sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das Gelage. „Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe?“ In diesem Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewühle der tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde begeistert. Die einen trugen Bebekostüme aus hellfarbigem Atlas, die anderen große Federhüte und Ballerinenröckchen, elegant stachen die Mädchen in einfach geschnittenen Straßenkleidern ab. Sie sahen aus wie Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die sonntäglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurück. Germaine warf sich erschöpft auf einen Stuhl und man stürzte rasch einige Gläser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel. Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos hinein. Marguerite rückte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen auf den Tisch aufgestützt und blinzelte zu ihm auf. „Du tanzt wohl nicht, kleiner Abbe,“ sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine. „Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Später werden wir herumgehen. Man kann sich auch zurückziehen. Mußt nicht so schüchtern sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht üblich.“ Konrad, der Einsame, fühlte die Wärme eines menschlichen Körpers neben dem seinen. Daß die da unten walzten, daß sie sich aneinander warfen, sich preßten und zerrten, das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fühlte merklich, daß sie auch in ihm ein Wörtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Körpers sprach. Er erwiderte zunächst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst allerdings. Er sagte sich, daß er zwar, beteiligte er sich nun gegen seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht objektiv bereichern würde, aber er versuchte sich zu überzeugen, daß ein wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mühe, dem schwermütig agierenden Abbe gegenüber ernst zu bleiben, aber sie hatte sich eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angeeignet. Sie verfiel denn alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun überzeugt von der Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. „Gehen wir herum,“ sagte sie und stützte sich schwer auf ihren Begleiter. „Kellner, die Rechnung.“ Konrad erschrak. Sie bemerkte es. „Zahlen Sie einstweilen, wir können sonst nicht die Loge verlassen.“ „Und die Anderen?“ „Ich hoffe, die werden uns nicht stören,“ sagte Marguerite und blinzelte. Der Kellner überreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit schweren Händen das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der Bursche dem Mädchen etwas hinschob, den Gewinnanteil für den neuen Gast. Marguerite liebte dies Lokal, nicht überall war man so large. Sie verlor sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengängen. Es gab da neuerdings Logen mit Vorhängen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree abverlangt. Dort ließen sich Nackttänzerinnen sehen. Marguerite nahm zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem übelduftenden Zimmer war solch ein Gedränge, daß man wenig nur von den Tänzerinnen erblicken konnte, die überdies nicht viel mehr sehen ließen als manche der kostümierten Frauen des großen Tanzsaales. Aber das Gedränge gestattete den Paaren allerlei Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine der verhängten Logen zu ziehen, wofür neuerdings bezahlt werden mußte. Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald Gelegenheit, ihren Abbe etwas lächerlich zu finden. Aber sie war trotz aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mädchen. Sie entließ Konrad ähnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm sagte: „Zanetto lascia le donne e studia la matematica.“ Konrad war froh, daß Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brüder Leroux. Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrücktem Claquehut seine Clownspäße zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flößte ihm Schrecken ein.

Um dreißig Francs ärmer, schlenderte er geknickten Herzens über den Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die würdige Mutter ihrer Söhne ihn nicht störe. Er verriegelte die Türe und fiel bald darauf dank der ungewohnten Genüsse in tiefen Schlaf. Man sollte glauben, daß es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter gelüstete das heitere Paris zu genießen. Nachdem er schließlich immer bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, daß die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulänglichkeit dieser einen Genuß zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte er sich dabei, nach Marguerite auszuspähen, wenn er durch ihre Gasse ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufällig an einer Ecke stehend und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere Kundschaft willkommen. „Mein armer Junge,“ sagte sie, „diese Leroux haben dich neulich schön gewurzt.“ Sie sagte etwas von „poire“, das Konrad nicht verstand, aber er fühlte ihre Teilnahme und das beglückte den Einsamen. „Als ob man nicht auch ganz solide miteinander fröhlich sein könnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben hättest, würde ich dir das schönste Fest verschafft haben und wir hätten es bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge, wie du — —“ Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie merkte, daß ihm das wohl tat. „Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird uns nicht stören, ich kenne sie.“ Marguerite lachte und kniff ihn von neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie sich den Anschein gab, nur für Konrad auszuwählen. „Nun haben wir Wein und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du sie bei der Hand?“ Konrad fand das wirklich preiswürdig, obwohl er mit dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verköstigte. Mutter Leroux war nicht zu Hause. Marguerite aber wußte Bescheid. Sie deckte den Tisch und brachte alles Nötige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Püffe versetzte, und sagte: „Halt, mir fällt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt. Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden.“ Sie öffnete rasch seine Börse und entnahm ihr fünf Francs, die sie in ihre Tasche gleiten ließ. „Ich will sie ihr morgen zurückgeben.“ Dann kam sie zu ihm zurück und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, daß man ihr schönstes Geschirr verschleppt hätte ohne sie zu fragen, daß dem Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet sei und daß man sie außerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen, wenn man sie nicht im voraus für alle Unzukömmlichkeiten entschädige. Konrad war jäh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere übersetzen). In ihm sangen noch die Verse von „Parfum exotique“:

„Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d’automne,

Je respire l’odeur de ton sein chaleureux

Je vois se dérouler des rivages heureux