„Wer ist sie?“ Adalbert erzählte.

Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war, etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war. Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch. Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal. Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun? Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen, nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe, plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam, verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren. Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. „Kruger? Kruger!“ Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. „Hm, Marguerite, ist das dein —? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.“ Drinnen rief die Stimme nun höflich: „Gleich, Fräulein, ich komme gleich.“ Marguerite erschien in einem rosa Schlafrock. „Er ist nicht zu Hause. Mein Gott, wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich, Fräulein.“ Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.

„Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?“

„Wo ist Konrads Zimmer?“ fragte Vögelchen.

„Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so genau.“

Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.

Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles, als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos zu der fremden Frau hinüber. „Ich habe ihm etwas mitgebracht.“ Sie zog die Pakete hervor. „Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen Bleistift hab’ ich selbst.“ Sie nahm den goldenen Stift, den sie an einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache.

„Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile

Arabella.“

Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und Abfällen aller Art. „Armer Konrad,“ dachte sie, und dann wieder, „um meinetwillen“. „Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,“ sagte sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die Stärkere war.