Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht, schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich des Besuches und wurde freundlich. „Sieh doch, mein Kleiner, wer dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.“ Sie richtete sich im Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet, aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen lassen, wenn bessere Zeiten kamen.

„Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,“ sagte sie. „Und wem verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter Junge bist.“

„Gleich, gleich,“ sagte er. „Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu Cuvier hinüber.“

Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute, wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude.

Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden. Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch! Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig. Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind! Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte, nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde? Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach, ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!

Imanuel Givo

Motto:

„Es war etwas in ihm, das ihm die Menschen zu richten verbot und in seinem ganzen Leben ihm zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht das Verurteilen auf sich nehmen wollte und darum auch unter keiner Bedingung verurteilen würde. Es schien sogar, daß er alles zugab und nichts verurteilte, wenn er auch oftmals schwer darunter litt. Ja schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen setzen noch erschrecken.“

(Dostojewski „Die Brüder
Karamasoff“.)

Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen. „Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,“ sagte sie zu Mannsthal. „Gewiß fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind ist bezaubernd.“