Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen.
„Sie gleichen einander,“ sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.
„Komm, komm, Kind,“ drängte Mannsthal.
Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.
„Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.“
„Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung? Ein Kind vielleicht?“
„Das davonläuft,“ sagte Mannsthal.
„Trag mir das nicht nach,“ bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an, seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt, die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase, die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes, ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände.
Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren, behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit, in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm verschlossen war.