„Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.“
„Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.“
Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend, hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war, folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt: „Observatoire“, hauchte sie. Sie war geborgen!
Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte, seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst. Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges, mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher, die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken, sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und vorzeitliche Tiere spiegelte.
„Haben Sie Hunger?“ fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.
„Ich habe geschlafen,“ sagte sie. „Ich bin ein wenig müde gewesen all die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich“ — nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.
„Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,“ sagte er.
„Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.“
„Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu Ihnen.“
„Und Sie, werden Sie mir schreiben?“