„Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.“

„Sie schrieben so lange nicht.“

„Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.“

Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne. Plötzlich hielt er inne. „Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?“

Sie nickte.

„Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein Vögelchen.“

„Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?“ sagte sie. „Urbacher und Karinski.“ Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. „Glauben Sie, daß Va mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus mir?“ Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: „Ach, das Seelchen ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.“ Sie gingen in die Stadt hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit des Flures.

Konrad an Hedwig

„Wenn Du nicht Mensch mehr bist und Dich verleugnet hast,

So ist Gott selber Mensch und traget Deine Last.“