An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen, ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende, alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten, waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen, schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf immer vergessen haben.
Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine Vorfälle. „Ja, danke, nun geh aber und ruh’ dich aus.“
„Nein, du wirst müder sein, Cecile.“
„Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.“
Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte, Künstler, Arme, Kranke. „Von Givo!“ rief sie nun und vor allen anderen öffnete sie seinen Brief. „Endlich wieder einmal.“ Sie las: „Liebe Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht, weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen, das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben, dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit! Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh, wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist, das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten. Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den Fall, Celia? — Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe.
Treulichst Dein Freund
Imanuel.“
Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. „Ruf doch Gil herein, sie läuft draußen ohne Umhülle herum,“ sagte sie ablenkend. Als Anna zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. „Givo kommt heute oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer mit Helene.“ Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief. „Seine Mutter tut unrecht,“ sagte sie sich. „Er wird auch seine Frau einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir gelingen an ihm Gutes zu tun!“
Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias Lippen. Sie begann: „Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel, der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen. Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh’ er beginnt. Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene — Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich versteht.“ Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich.
Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es, die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte.
Süß ist das Leben