Um des strenggekehrten geistigen Blickes willen,

Der gleichzeitig umfängt die Erde von allen Seiten

Die kristallenen Öden der Pole, der Vorzeit,

Des Urgebirges, der Zahlen Gesetze.

(Ottokar Brezina.)

Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen, um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten, kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte, stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit.

Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden, ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit. Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos, daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist, entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende.

Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden, Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren, wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit. Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet. Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner Liebe, sagte sie leise, ganz leise: „Mir ist so wunderbar. Hab’ Dank.“ Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott.

Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von Vergangenheit und Zukunft.

Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten.