„Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich jung.“
„Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.“
„Jung mit grauen Haaren,“ sagte Celia. „Um so stärker erleben wir die Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo, wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele, die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo, nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der Lebendigen.“ Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. „Wehe der Frau, der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die unfruchtbar liebt!“
Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. „Unfruchtbar, Liebe?“ fragte er leise besorgt. „Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?“
„Ja,“ sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. „Der Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten müssen. Verschon’ dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle, deine Freiheit zu behalten.“
Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war längst Mitglied des „Sozialen Dienstes“ und ein Freund Givos. Es war Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix saßen noch lange beisammen.
Die erste Nacht
Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. „Oh, ich weckte Sie,“ rief sie, als Arabella sich aufrichtete.
„Nein, ich schlief nicht.“
„Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,“ sagte das liebliche Mädchen. „Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!“