Helene lag schon in ihrem Bette. „Ich kam mit Großpapa,“ sagte sie, ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. „Großpapa ist tot.“

„Und deine Eltern?“ fragte Vögelchen.

„Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen zeig’ ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich hier. Ich werde dich lieb haben.“ Vögelchen setzte sich an Helenes Bett, ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten, nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es.

„Ich will dich auch lieb haben, Helene.“ Dann löschte sie das Licht und legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder schlafen. Vögelchen aber lag im Traum.

In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder — Wiesen und Meere — und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo vor ihr. „Ich bin König des Morgenlands,“ sagte er. „Willst du ein Stern sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis. Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber sollst du meine Frau sein, Arabella.“ Vögelchen richtete sich auf. Aus dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe! Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen. Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen? Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen. Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte sie.

„Bist du’s, Kind?“ fragte er.

Sie erschauerte und kam näher. „War dir bange?“ fragte er. „Warum kommst du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?“

„Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.“

„Das konntest du glauben, Vögelchen?“

„Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.“