Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: „Geh, geh!“ Es war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte! Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht, ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten.
Hedwig an Konrad
„Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag’, Junge, hast Du ein Recht, Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen, wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon, ich hab’ geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab’ nur geraten, ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht, wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es, Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint, ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen. Nütz’ Deine Zeit, Koni.
Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind verweht ihn. Ich wein’ ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe. Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag’ ihr, Arbeit und ein Kind helfen den Traum „Mann“ ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit Episoden, das aber sag’ ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen. Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach’ keine Sorgen mehr Deiner treuen
Hedwig.“
Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein, sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte. Er nannte ihn „Vai, das Vermischen“. Er, der vor wenigen Wochen bald Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein Wort gefunden, das ihn erschütterte.
Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur (den in der Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war, wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh, die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin, der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter.
Unter den „Geretteten“ war auch ein junger Mathematiker, der im Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon. Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn, daß er, der lügenhafte Lästerer, über „Vai, die Vermischung“ sprach, daß er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer, Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben, wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen, nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. „Ich wandere aus,“ sagte Marguerite. „Dein Freund nimmt mich mit nach Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien mein Glück machen.“
„Du willst junge Mädchen erziehen?“ fragte Konrad und lächelte schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte ab. „Ich wollte nur fragen, ob ihr —“ Nun brachte er es nicht heraus, Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und Diebsgesellen Custove. „Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos, dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.“
Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rückte Marguerite nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd in den Arm und sagte: „Wer weiß, wie sie dort schmachtet, die Ärmste! Ach, solch ein Täubchen! Sie war voll Zärtlichkeit für dich. Sieh, Geld hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen Sparbüchse für dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir sind die Tränen gekommen. Am liebsten hätte ich ihr statt das Geschenk zu nehmen selbst etwas geschenkt.“ Konrad drückte gutgläubig Marguerites gepolstertes Händchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem Custove die Hand, nickte dem Mädchen traurig zu und ging wie unter der Last seines aufquellenden Schmerzes gebückt und geduckt die Stiegen herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Füßchen berührt, das feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Möglichkeit finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurück in seine Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil der Abschrift fertig. Nun entschloß sich M. Tallandre, da der Kopist sich so fleißig und pünktlich erwiesen hatte, ihm die Übersetzung der Arbeit zu übergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und ein Bruch mit den Rettern war möglich. Das reichliche Honorar hingegen würde ihm die Schritte, die er für Vögelchen unternehmen wollte, ermöglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein übriges an Fleiß gewährte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschluß der umfangreichen Arbeit. War es nicht Vögelchen, um deretwillen er Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist, der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn mit neuen Kräften wieder zu Frau Calou und vergaß auch die beschämende Polemik über seiner neuen Arbeit.