„So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu Angele kommen?“

Vögelchen schüttelte den Kopf. „Es ist zu viel auf einmal,“ sagte sie und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin, küßte ihre Hände. „Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst? Oh, du Liebes, du Schönes, du!“ Er bog sie zurück, er küßte sie, er liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. „Ist es nicht wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran, jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte, Vögelchen!“

Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast blödsinnige Lächeln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, während sie auf eine Frau zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit verschlingt. „Laß mich,“ sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte ihm zum Abschied die Hand.

„Ich bringe dich zurück nach Chaly,“ sagte er.

„Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein,“ erwiderte sie. Ihr Gesichtchen verzog sich, aber sie schämte sich der Tränen des Mitleides über sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg. Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob beschwörend die Hände. Nun schien sie über die Dünen zu fliegen. Sie entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen.

Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften Vorhänge des Bettes schlug der Meerwind. Die Türe ging auf und Givo trat ein. Sie rührte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf. „Warum hast du es getan, ohne mich?“ sagte er. „Es wäre alles besser, leichter gewesen.“ Er sah, daß sie gelitten hatte. Er streichelte sie. Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung über sie. Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit ihr fühlen, daß es kein Traum war, daß sie zu einander gehörten. Er wollte sie wärmen mit dem Zustrom seines Gefühles, mit seinen Küssen ihre Erstarrung lösen und sie schloß die Arme um seinen Hals und hielt ihn und er wollte spüren, daß ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es schlagen. Er löste ihre Kleider in Zärtlichkeit, er fühlte sie wie eine lose Blüte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr, wissend sog sie sich seinen Wünschen entgegen. Aber dann hielt er sie nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig spürte er, wie sie den Schmerz vergaß über der drängenden Sehnsucht sich ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mächtig, in sie eindrang. Da wußte er nebelhaft im Rausche, daß sie nicht mehr Jungfrau war. Sein Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen überwältigte ihn, daß sie in Liebeskünsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewußt war wie ein Kind und verklärt in ihrem Feuer. Während er sie besaß, stürzten Tränen heißer Trauer aus seinen Augen, während er sie glühend an sich riß, entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vögelchen wußte nicht mehr, daß sie ein anderer besessen, ahnte nicht, daß es eine Jungfräulichkeit gab, die geraubt werden konnte, und daß nicht Givo allein genommen, was sie einzig für ihn besaß. Viel später erst erfuhr sie, durchschauert von der Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zufälligen Gespräch die Veränderung vom Mädchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, daß er in einigen Tagen erst Vögelchen ihr wiederbringen würde. Er ließ sie ruhen und umsorgte sie mit andächtigem Gefühl.

Lea Givo

Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde durchdringt.

Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten herangewachsen war.

Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt angetreten.