Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren Eifer in gleichem Maße teilten.

Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn, entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora, ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam, eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein „Bild“, eine Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr, als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt nichts von Zora. Er lautete: „Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie, denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht, daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können, damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden, die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine

Mutter Lea.“

Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte kein Glied. Sie hatte sich’s verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn. Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab. Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen.

„Und wo sich abwandten unsere Brüder —“

Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der Jüngere mit verhaltener Abweisung. „Sie wollen zu Arabella?“ fragte Givo nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern.

„Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte nicht, daß sie wieder allein fährt.“

„Sie wird nicht allein fahren,“ sagte Givo. „Darf ich Sie bitten, sie jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu frühstücken?“

Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. „Vielleicht haben wir einander noch einiges zu sagen,“ sprach er. „Frau von Twede ist wohl?“ fragte Givo. „Darf man vorsprechen?“