Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: „Es freut mich, lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen, weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier. Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie, auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein. Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts mehr von unseren Narrheiten!

In Freundschaft Ihre

Arabella.“

Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. „Ich gebe Ihnen Nachricht,“ versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser Fall. „Dieses schmutzige Tier,“ fluchte Marguerite: „Er hat es sich auf der Reise geholt.“ Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete. Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. „Wo ist Herr Konrad?“ fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend über.

Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur. Marguerite nahm es an sich. Weiß Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!

Und wie die Schwester es erfuhr:

In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab. An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb lustige Gefiedel des „Schrammelquartetts“, Fiaker und „Zeiserlwagen“ standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit, als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.

„Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher? Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.“

„Sie sind die Torn,“ sagte er, sich verbeugend, „die den Prater so schön malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?“ Er deutete auf den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.

„Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?“ fragte sie.