„Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich doch nicht, Bube?“ Hedwig schritt voran. „Eine hübsche Frau und wie bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,“ dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.
„Wie schön er es hat,“ dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen. Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher; durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.
„Ich stehe zu Ihren Diensten,“ hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach Worten.
„Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht — —“
„Seltsam,“ dachte Urbacher. „Nun kommt eine Fremde und spricht ihren siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!“ „Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann, der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.“
„Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch gewesen. Es ist mir sehr peinlich — —“
„Ungewöhnliche Verhältnisse,“ beschwichtigte Urbacher. „Das hat ihn wohl auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht dienen. Ich kenne sie nicht.“ Seine Züge verkrampften sich, als er dies sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht — die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie verstrickt war in diese „ungewöhnlichen Verhältnisse“.
Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend. Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: „Bleiben Sie.“ Dann schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie hin.
„Dies ist Arabella,“ sagte er. „Können Sie ihn nun verstehen, den Bruder?“ Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst überraschte und wie Verrat schien. „Das ist sie,“ sagte er und atmete schwer. „Ein schönes Kind, ein armes Kind,“ sagte Hedwig ergriffen.
Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife, verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig. Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!