„Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich erkundige,“ sagte er und räumte die Dose weg. „Wohin darf ich Ihnen dann Antwort senden?“ Sie nannte die Adresse.

„Was mag ihm zugestoßen sein?“ entfuhr es ihr.

„Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen bald Nachricht geben.“

„Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in Verbindung,“ sagte Hedwig.

Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich verheiratet hatte. „Verzeih mir, um Arabella,“ schrieb er. „Jetzt bin ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt.“ Das war alles, was er wußte. „Laß es begraben sein,“ sagte er sich immer wieder.

„Der Bub,“ rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.

„Ja, was die Mutter betrifft,“ sagte Urbacher, sich ihrer Frage besinnend, die ohne Antwort verklungen war, „da bin ich nun noch weniger unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch diese Frau wurde verwirrt in diesen — Verhältnissen. Lassen wir ihr das späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man auch wieder sorglos werde.“

Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an sie.

„Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,“ sagte er. „Ein Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!“

„Er hat nur mich,“ sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.