„So, so,“ sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie ein Frauenherz streicheln. „Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das alte Gefährt. Lassen Sie sich’s nicht verdrießen und kommen Sie wieder.“

Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.

„Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich mit inbegriffen,“ sagte er zu sich. „Aber immerhin ist das noch besser als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere Niedertracht nicht kennen.“ Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet. Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.

„Warten S’, ich läut’, es ist der ihrige drin,“ und ehe der Erschrockene es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische Bewegung.

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand der da und schon sagte er sich: „Da hast du wieder einmal Pech, du unverbesserlicher Narr“ — als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu — schön. Auch ihr Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und Geringschätzung sich kräuselte.

„Ach Gott, Sie haben geläutet,“ rief sie — sie bemerkte die Nachbarin, schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt diente. „Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,“ sagte sie noch mit erregter Stimme. „Dieser junge Mensch der eben an Ihnen vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe gewiesen.“

„Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.“

„Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen. Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel gekleidet. Und da, da,“ sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, „da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.“ Sie besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken kehrend. „Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,“ sagte sie leise. „Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester — — Aber wissen S’ (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch noch jung und man kann nicht all’weil allein sein. Der da ist der Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g’schlagen ist er, malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein’ Hunderter hin. ‚Angabe‘, hat er gesagt und hat dabei g’lacht, daß ich ihm eine hätt’ geben können, daß ihm die Zähne“ — sie mußte selbst über ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich — „um seine Zahnderln wär’ schade g’wesen, aber sonst ist kein Schad’ um ihn. Bin froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.“

Urbacher dachte: „Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.“ Er ging die Wände entlang, die Bilder betrachtend: „Ihr einschichtigen Frauen habt es ja noch schlechter als wir,“ sagte er. „Warum kauft ihr der Tölpel nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,“ dachte er. „Hören Sie, Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das ist ein feines Stück,“ rief er aus.

„Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit. Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir auf einmal wieder bange.“