Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne,
Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen:
Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht,
Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne,
Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne,
Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.
Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war, abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam. Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben.
Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene, besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen, und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren, in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich, daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück:
Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor,
Durch das ich ströme in mein Paradies,