Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß die Kranke richtig geraten habe.
„So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,“ sagte sie. „Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!“
Da sagte Zora: „Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab’ Mitleid mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine Liebe für die andere.“
Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. „Gott will es. Er stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!“
„Wohin?“ fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom Gemeinwesen der Menschen.
„Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die Glaubensschule und dann in Stellung.“
Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie beschwörend: „Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir, aus der Verhexung dieser Fremden.“
Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. „Lösch aus,“ sagte Frau Givo. „Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,“ und wie im Traum schon lallte sie: „Licht.“
Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: „Laß ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.“ Als sie erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen mit dem Arzt und Zora. „Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir sie,“ sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. „Nehmen Sie ihr die Qual.“ Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. „Mutter,“ rief er leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war die drohende Gefahr vorüber.
Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile? Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu schöpfen und nachzusinnen.