Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: „Hörst du unseres Kindes Herzchen schlagen?“

Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf. „Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,“ sagte er. „Darum darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen? Kannst du mir vertrauen, trotz allem?“ Sie lag starr. Gigantische Kräfte hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst, in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: „Ich vertraue dir. Ich lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich nicht.“ Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken. Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven.

Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen, was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz, er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in dumpfer Unersättlichkeit.

Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor sie in festlichem Kleid. „Heute wird es sein.“ Givo kam herzu. Der Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. „Der Wagen ist schon vorgefahren,“ drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten. An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln, das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte. Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. „Hab Dank für dies traurige Spiel,“ sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts, sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld.

Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen, duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung. Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen, kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und, während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte, untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder. Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er, dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt. Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte, ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie sich wegwarf — und das würde sein — konnte täglich, plötzlich aus einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte. Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß, rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora: „Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.“ Er blickte sie an erschrocken und wie verwundet.

„Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?“

„Ich habe Sehnsucht,“ sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene, deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, „laß mich bei dir, nimm mich auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.“

„Du kannst nicht gehen,“ sagte er traurig, „du gingest denn in dein Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.“

„Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,“ flüsterte sie. Sie war nicht stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging. Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte.

Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. „Laß ein Ende kommen, dann reisen wir,“ bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner, fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war, was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten steigern würde.