Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen, da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten, die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen, Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen, Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß. Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.
Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer. Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war fortgeflogen.
Entflogen
Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski, die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme. Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen, kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga, die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte, war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski.
„Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.“ Er zog sie auf seine Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort.
Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: „Wir haben beide viel gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.“ Ach, Arabella wußte nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen, wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: „Nein, laß sie nicht hier.“ Er nahm ihre Hand, er erriet sie. „Das ist wohl vorbei bei ihm,“ sagte er. „Du mußt ihm verzeihen,“ bat Karinski. „Es fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart’ es ab.“
„Ich werde niemals Ruhe haben,“ sagte Arabella. „Ihr nennt mich Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd, immer!“
„Hier ist gut sein eine Weile,“ sagte er. „Willst du dann mit mir wandern?“
„Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will ich da mit dir sein.“ Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen, suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin, ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der Liebe. „Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben. Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit. Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten. Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen, wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein
Vögelchen.“