Die bisher in diesem Kapitel besprochenen Reisen haben die Kenntniß der Ostküste Grönlands in keinem wesentlichen Grade gefördert.
Die Kenntniß, die wir von dem südlichen Theil der Küste haben, an der entlang zu reisen wir im Begriffe stehen, verdanken wir im wesentlichen zwei Expeditionen, und da es ohne diese, besonders die letzte derselben kaum für uns möglich gewesen sein würde, nach Norden vorzudringen, so liegt es sehr nahe, dieselbe mit einigen Worten zu erwähnen.
Da Danells oben besprochene [Reisen] scheinbar die Unmöglichkeit einer Landung an der Ostküste von Grönland nachgewiesen hatten, so liegt es sehr nahe, daß man bald auf den Gedanken kam, die Westküste zum Ausgangspunkt für Expeditionen am Lande entlang zu nehmen. Eine solche Anschauung finden wir bereits um das Jahr 1664 von P. H. Resen[70] und im Jahr 1703 von Arngrim Vidalin[70*] geäußert.
Wie bereits früher erwähnt, war Hans Egede, der Apostel Grönlands, der Ansicht, daß Österbygden an der Ostküste Grönlands liegen müsse. Schon im Jahr 1723 unternahm er eine Reise in südlicher Richtung von seinem Wohnort, nahe dem jetzigen Godthaab, um diese Kolonie in zwei Böten an der Küste entlang segelnd zu erreichen. Bei Nanortalik auf dem 60° 8′ N. Br. in der Nähe von Kap Farvel sah er sich indessen am 26. August infolge der späten Jahreszeit und unzureichenden Proviants zur Rückkehr gezwungen. Später äußerte er jedoch die Meinung, daß Österbygden an der Ostküste am leichtesten an der Küste entlang und zwar wenn möglich in Eskimo-Frauenböten zu erreichen sei.
Ein Versuch, von Godthaab aus an der Küste entlang Österbygden zu erreichen, der im Jahre 1733 von Mathias Jochimsen unternommen wurde, mißlang ebenfalls, indem man sich auf dem 61° N. Br. durch Eis am Vordringen gehemmt sah.
Erfolgreicher war der tüchtige Peder Olsen Wallöe, ein Bornholmer, der sich mehrere Jahre als Handelsmann auf Grönland aufhielt. Im August 1751 trat Wallöe seine Reise von Godthaab aus in einem Frauenboot mit einer Besatzung von 4 Grönländerinnen und 2 Europäern an. Im ersten Jahr erreichte er den Distrikt des jetzigen Julianehaab, wo er Untersuchungen anstellte und überwinterte. Im folgenden Jahr wurde die Reise fortgesetzt, an Kap Farvel vorbei eine Strecke an der Ostküste entlang, bis man auf dem 60° 56′ N. Br. an eine Insel gelangte, die er „Nenese“ nennt; dort sah er sich jedoch am 8. August zur Umkehr gezwungen. Dies ist der erste Europäer, von dem man mit Sicherheit weiß, daß er die südliche Ostküste Grönlands betreten hat. Er erhielt jedoch einen schlechten Lohn für seine verdienstvolle Reise und lebte seither in den kümmerlichsten Verhältnissen in Dänemark. Er starb im Jahr 1793 in einem Alter von 77 Jahren im Armenhospital zu Kopenhagen.
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wies Eggers deutlich in einer im Jahre 1792 erschienenen Schrift nach, daß Österbygden auf der südlichen Westküste gelegen habe; wenn man es nach der Ostküste verlegt habe, so sei dies ein Irrthum von den Gelehrten der Vorzeit, welche die alten norwegischen Berichte völlig verkehrt gedeutet hätten.
In den Jahren 1829-30 unternahm der Kapitänlieutenant in der dänischen Flotte W. A. Graah seine bedeutungsvolle Reise an der Ostküste entlang in einem zum größten Theil mit Grönländerinnen bemannten Frauenboot.[71]
Am 1. April erreichte man die Ostküste. Am 20. Juni auf dem 61° 47′ N. Br. faßte Graah den kühnen Entschluß, sich von seinen europäischen Genossen, die zurückkehrten, zu trennen und allein mit dem einen der beiden Frauenboote und mit 6 Grönländern weiter zu gehen.
Am 27. Juni auf dem 63° 37′ N. Br. verließ ihn auch sein grönländisches Gefolge bis auf drei junge Mädchen, die er endlich dazu vermochte, ihm als Ruderer weiter das Geleite zu geben. Am 23. Juli erreichte er seinen nördlichsten Zeltplatz, eine Insel, die er Vendom (Kehr um) nannte — auf dem 65° 13′ N. Br., und am 18. August erbaute er auf seinem nördlichsten Punkt, auf der nördlich davon gelegenen Dannebrogs Insel (65° 19′ N. Br.) eine Warte. Hier wurde er durch Eis am weiteren Vordringen gehindert.