Anfang Oktober machten 12 Mann von diesem Schiff aus den Versuch, über das Eis an Land zu gehen (ungefähr auf dem 63° N. Br.). Sie erreichten auch eine Insel, als sie aber von hier aus nicht auf das Festland gelangen konnten, kehrten sie wieder auf das Schiff zurück. Dies sind also die ersten Male in neuerer Zeit, daß es unseres Wissens gelungen ist, die Ostküste Grönlands von der See aus zu erreichen.[65] Nach dem Schiffbruch hielt die Mehrzahl sich einige Tage bei einander auf dem Eise auf. Als sie indessen einsahen, daß es, falls sie in einer solchen Anzahl an bewohnte Stätten gelangten, unmöglich sein würde, für so viele Nahrung zu schaffen, theilten sie sich in mehrere Gruppen, von denen die eine das Land in nördlicher Richtung zu erreichen suchte, während eine andere, größere Gruppe, die Küste verließ, um quer durch das Land bis zur Westküste zu gelangen. Von diesen Allen hat man jedoch später nie wieder gehört. Eine dritte Gruppe von ungefähr 50 Mann ging südwärts an der Küste entlang und traf nördlich von Kap Farvel, wahrscheinlich bei Alluk, auf Eskimos, die sie freundlich aufnahmen, sie mit Proviant versahen und ihnen ihr Frauenboot überließen, in welchem sie später die dänischen Kolonien an der Westküste erreichten. Eine vierte Gruppe, ebenfalls aus ungefähr 50 Mann bestehend, suchte nicht an der Ostküste zu landen, sondern trieb mit dem Eise um Kap Farvel herum, um nach vielen Leiden und zahlreichen Verlusten an Menschenleben an der Westküste zu landen, theils bei Fredrikshaab, theils in der Nähe von Godthaab.
Von den übrigen Besatzungen, die sich nicht an Bord des zuletzt gescheiterten Schiffes befunden hatten, trieben verschiedene kleinere Abtheilungen mit dem Eise bis Kap Farvel und gelangten in ihren Böten bis zu den Kolonien an der Westküste, die Mehrzahl im Oktober oder November. Die merkwürdigste von diesen Gruppen bestand aus 6 Mann mit zwei Böten, die nördlich von Godthaab landeten. Diese 6 Mann hatten die beiden Böte und fast den ganzen Proviant ihres Schiffes gerettet, und statt sich wie ihre Kameraden auf ein anderes Schiff zu flüchten, blieben sie auf dem Eise. Später gingen sie in See, ruderten und segelten am Eise entlang, um Kap Farvel herum und weiter, bis sie endlich nach vielen Leiden eine kleine Klippe nördlich von Godthaab, ungefähr eine halbe Meile vom Festland entfernt, erreichten. Sie wußten nicht, wo sie sich befanden, beschlossen aber, hier zu überwintern. Sie lebten von dem geborgenen Proviant und erbauten sich aus Ruderstangen und Segeln eine Hütte, in der sie infolge von Kälte und Wassermangel große Qualen erlitten. Das Schlimmste war aber doch der Umstand, daß die Wellen bei Sturm über die Klippe hinwegschlugen und sie stets darauf gefaßt sein mußten zu ertrinken. Endlich, Ende März, fanden einige Grönländer die Unglücklichen und zeigten ihnen den Weg nach Godthaab. Diese 6 Mann müssen eine Entfernung von ungefähr 175 geogr. Meilen theils auf dem Eise, theils im offenen Boot zurückgelegt haben.
Von allen Denen, die im Jahre 1777 an der Ostküste Grönlands entlang trieben, sahen ungefähr 320 ihre Heimath nicht wieder während ungefähr 155 Grönlands Westküste erreichten und im folgenden Jahr nach Europa zurückbefördert wurden. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß sie sowohl von den Eskimos wie von den in Grönland ansässigen Dänen auf das gastfreundlichste empfangen wurden.[66]
Im Winter 1869-1870 machte die Mannschaft der „Hansa“ gleichfalls eine fast eben so merkwürdige, wenn auch nicht so ungemüthliche Reise auf dem Eise an der Ostküste Grönlands entlang.
Die „Hansa“ war das eine der beiden Schiffe, welche die sogen. zweite deutsche Nordpolexpedition an der nördlichen Ostküste Grönlands an Land setzen sollten.
Bei dem Versuch, bis an die Küste vorzudringen, gelangte das eine Schiff „Germania“, das außer Segeln eine Dampfmaschine hatte, glücklich durch das Eis, während das Segelschiff „Hansa“ unter der Leitung von Kapitän Hegemann am 6. September auf dem 74° 6′ N. Br. und dem 16° 30′ W. L.[67] (ungefähr 10 geogr. Meilen vom Lande entfernt) vollständig im Eise stecken blieb. Dann trieb das Schiff beständig südwärts weiter in verhältnißmäßig geringer Entfernung vom Lande, bis es am 19. Oktober zerschellt wurde und ungefähr auf dem 70° 50′ N. Br. und dem 20° 30′ W. L. (einige Meilen von der sogen. Liverpool-Küste) sank. Die ganze Besatzung des Schiffes rettete sich indessen mit dem nöthigen Proviant auf das Eis, und nachdem sie sich darüber einig geworden waren, ruhig hier zu verharren statt einen Landungsversuch zu machen, erbauten sie aus den vom Schiff geborgenen Steinkohlen ein Haus auf einer der Eisschollen. Hier verbrachten sie den ersten Theil des Winters, während sie beständig in südlicher Richtung am Lande entlang trieben. Während eines Sturmes am 15. Januar (auf dem 66° N. Br.) barst die Eisscholle mitten unter dem Hause, und sie mußten ihre Zuflucht in den Böten suchen. Später wurde auf einer anderen in der Nähe gelegenen Eisscholle ein kleineres Haus gebaut. Unter häufigem Wechseln trieben sie südwärts weiter, bis sie am 7. Mai ungefähr auf dem 61° 12′ N. Br., wenige Meilen vom Lande entfernt (also nicht weit von Anoritok) die Eisscholle verlassen und in die Böte[68] gehen konnten, in denen sie die Küste zu erreichen suchten, was ihnen jedoch erst am 4. Juni gelang. Sie landeten auf der Insel Iluilek, die ungefähr auf dem 60° 53′ N. Br. liegt. Von hier aus gingen sie in südlicher Richtung weiter, und endlich am 13. Juni erreichten die 3 Böte mit der vollzähligen Besatzung der „Hansa“ glücklich die Herrnhuter Missionsstation Friedrichsthal westlich von Kap Farvel.
Die Strecke, welche die Mannschaft der „Hansa“ trieb, seit ihr Schiff in den ersten Tagen des September 1869 im Eise stecken blieb, bis sie am 7. Mai 1870 die Eisscholle verließen, beträgt zusammen ungefähr 1080 Viertelmeilen oder 270 geogr. Meilen, (also ungefähr dieselbe Entfernung wie die Eisfahrt d. J. 1777; siehe [oben]). Diese Entfernung wurde in ungefähr 8 Monaten oder 246 Tagen zurückgelegt, was folglich eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 1,1 geogr. Meilen per Tag ergiebt, weniger als die Hälfte der Geschwindigkeit, mit welcher man im Jahre 1777 trieb. Der Grund mag zum Theil darin zu suchen sein, daß die Strömung im Winter nicht so stark ist, zum Theil darin, daß die Mannschaft der „Hansa“ sich in geringerer Entfernung vom Lande befand. Im November trieben sie übrigens durchschnittlich am schnellsten, nämlich zwei geographische Meilen (7,8 Viertelmeilen); zu der Zeit befanden sie sich noch nördlich von Island.
Vergleicht man diese Durchschnitts-Geschwindigkeiten (also 2,5 Meilen im Jahre 1777 und 1,1 Meilen im Jahre 1869-70) mit derjenigen, die wir während unseres elftägigen Treibens hatten und die sich auf ungefähr 6 Meilen (5,8 Meilen) per Tag belief, da ist der Unterschied sehr beträchtlich; während der meisten Tage legten wir sogar 7 Meilen zurück. Wahrscheinlich ist der Grund zu diesem Unterschied darin zu suchen, daß die Strömung im Sommer eine bedeutend größere Kraft hat als zu anderen Zeiten des Jahres; ein anderer Grund läßt sich natürlich auch darin suchen, daß die Mannschaft der „Hansa“ sich tiefer in dem Eisgürtel befunden hat, während wir mehr am Rande waren. Die im Jahre 1777 Verunglückten trieben, wie bereits erwähnt, während des südlichsten Theils ihrer Fahrt mit bedeutend größerer Geschwindigkeit, indem sie südlich vom 64° N. Br. eine Fahrt von 4,5 geographischen Meilen per Tag hatten.[69]
Ich habe mehrmals Gelegenheit gehabt, eine Eigenthümlichkeit der Strömung auf dem 61-62° N. Br. zu berühren (vergl. Seite 264, 291 und 298). Es scheint, als ob hier häufig eine Unregelmäßigkeit in der Richtung und in der Schnelligkeit der Strömung stattfinden muß, die möglicherweise dadurch entstehen kann, daß der Arm einer nördlicher gehenden Strömung eine Veränderung im Eise bewirkt und Eiszungen in das Meer hinaus schiebt (vergl. unsere Erfahrung Seite 248 und Nordenskjölds Seite 291).
Im ganzen scheint aus allem, was wir jetzt über Strömungen und Eisverhältnisse wissen, hervorzugehen, daß der Polarstrom an der Ostküste von Grönland südlich vom 69° N. Br. gewissen jährlichen Perioden unterworfen ist. Diese können möglicherweise wieder Veränderungen in nordwärts gehenden Strömungen ihren Ursprung zu verdanken haben.