Endlich am 4. September sollte es Nordenskjöld gelingen das auszuführen, was so Viele vergebens erstrebt hatten: er kam mit dem eisernen Schiff „Sophia“ durch verhältnißmäßig zerstreut liegendes Eis im Westen von Kap Dan glücklich unter Land und ankerte in einer Bucht, die er „König Oskars Hamn (Hafen)“ nannte. Hier ging man an diesem Tage und am folgenden Morgen an Land und machte verschiedenartige wissenschaftliche Einsammlungen und Beobachtungen. Man fand auch zahlreiche, theils ganz frische Spuren von Eingeborenen, sah aber Niemand, und dies ist, nach den Erfahrungen, die wir an der Küste gemacht haben, äußerst merkwürdig, denn man war mitten in einem bewohnten Küstenstrich gelandet. Die Expedition war auch nicht von den Eskimos bemerkt worden, dagegen hatte sie als einziges sichtbares Zeichen ihrer Gegenwart eine leere Bierflasche aus der Karlsberger Brauerei hinterlassen, welche von den Eskimos gefunden und dem Kapitän Holm[59] im darauf folgenden Jahr als ein übernatürlicher Gegenstand vorgezeigt wurde; besonders schrieben sie der gelblichen Flüssigkeit, von der sich noch ein Tropfen darin befand, göttliche Kräfte zu.
Am 5. September, am Tage nach der Ankunft lichtete die „Sophia“ den Anker wieder und dampfte seewärts, um, wenn möglich, die Küste nördlich von Kap Dan zu erreichen. Dies gelang jedoch nicht, und man sah sich infolge von Kohlenmangel gezwungen, heimzukehren.
Im Jahre 1884 waren die Eisverhältnisse in der Dänemarksstraße sehr günstig für eine Landung an der Ostküste von Grönland, und mehrere von den norwegischen Seehundsfängern sind, wie ich aus zuverlässigen Quellen erfahren habe, in der ersten Hälfte des Juli ungefähr auf dem 67° N. Br. der Küste sehr nahe gewesen, einer von ihnen, Kapitän A. Krefting vom „Stärkodder“, fing hart am Lande Klappmützen, er hätte, „falls es im Interesse des Schiffes gewesen wäre“, das Ufer mit Leichtigkeit erreichen können.
Den letzten der zahlreichen Versuche, das Treibeis an der Ostküste von Grönland zu durchdringen, kennt der Leser hoffentlich so genau aus der früheren Beschreibung in diesem Buch, daß es überflüssig ist, hier näher darauf einzugehen.[60]
Außer diesen Versuchen, die Ostküste Grönlands von der Seeseite zu erreichen, muß hier einiger Vorfälle im Treibeise unterhalb dieser Küste Erwähnung geschehen, um so mehr, als sie in gewisser Weise Vorgänger unserer Beschwerden im Eise sind, obwohl die Letzteren im Verhältniß zu dem, was sich auf der früheren Expedition ereignete, ein Kinderspiel zu nennen sind.
Das Jahr 1777 hat in der Erinnerung aller Derer, die sich mit der arktischen Entdeckungsgeschichte beschäftigen, einen unheimlichen Klang, denn wohl niemals sind die arktischen Regionen Zeugen so grenzenlosen Elends gewesen.
Es war dies ein sehr böses Eisjahr an den grönländischen Küsten und in den Tagen zwischen dem 24. und dem 28. Juni blieben 27 oder 28 Walfischfänger verschiedener Nationalitäten[61] zwischen dem 74° und 75° N. Br. unterhalb der Ostküste[62] im Eise stecken.
Ein Theil dieser Schiffe kam im Laufe der folgenden Monate wieder frei, 12 aber blieben im Eise stecken[63] und trieben südwärts an der Küste entlang, wo sie allmählich zwischen den Eisschollen zertrümmert wurden. Die ersten Schiffbrüche fanden am 19. und 20. August statt, in diesen Tagen wurden 6 Schiffe ungefähr zwischen dem 67° und 68° N. Br. in einer Entfernung von 12-14 Meilen von der Küste zertrümmert. Die übrigen Fahrzeuge trieben in südlicher Richtung weiter an der Küste entlang, die man fast die ganze Zeit hindurch im Auge behielt, gewöhnlich nur 10 Meilen von derselben entfernt. Ende September befand man sich zwischen dem 64° und 65° N. Br. Das letzte Schiff wurde am 11. Oktober 5-6 Meilen vom Lande entfernt, ungefähr auf dem 61½° N. B. zertrümmert, also gerade vor Anoritok, wo unsere Eisfahrt endete. Die Strecke, die es, seit es zuerst im Juni im Eise stecken blieb, treibend in einem Zeitraum von 107 Tagen zurückgelegt hatte, betrug ungefähr 270 geogr. Meilen, — es kommen folglich im Durchschnitt ungefähr 2½ Meilen auf jeden Tag. Während der letzten Zeit dieser Eisfahrt war die Geschwindigkeit freilich bedeutend größer gewesen als zu Anfang. Bis zum 20. August muß sie hiernach durchschnittlich ungefähr zwei Meilen, von dieser Zeit bis Ende September ungefähr 2½ Meilen, dann aber etwa 4 Meilen betragen haben.
Die Besatzung der verunglückten Schiffe pflegte sich auf die noch nicht gesunkenen zu retten, viele nahmen auch ihre Zuflucht zu dem Eise und hielten sich darauf auf.[64] Unter immer zunehmendem Elend ging es südwärts und viele der Leute starben allmählich, Einige ertranken, Andere erfroren, die Meisten aber verhungerten, da in der Regel nur wenig Proviant von den sinkenden Schiffen geborgen wurde, — es war schon von vorn herein knapp genug damit bestellt.
Auf dem letzten Schiffe hatten sich allmählich 286 Menschen angesammelt, und zuletzt wurde die Noth sehr groß. Die tägliche Ration bestand schließlich nur noch aus 10 Eßlöffeln voll Erbsen oder Grütze pro Mann.