[68] Die Art und Weise, wie dies geschah, glich sehr dem von uns Erlebten (29. Juli). Am 6. Mai hatte man noch keine Ahnung davon, daß man die Eisscholle bald würde verlassen können, und war daher nicht wenig erstaunt, als man am folgenden Tage nach dem Lande zu offenes Wasser erblickte, auch war man seit dem vorhergehenden Tage 8 Minuten oder 2 geographische Meilen nordwärts getrieben. Es scheinen auch damals in dieser Höhe Unregelmäßigkeiten in der Strömung geherrscht zu haben. Wie man sich erinnern wird, trieben auch wir während der letzten Nacht, ehe wir aus dem Eise heraus kamen, nicht wesentlich südwärts.
[69] Es scheint, als wenn die Geschwindigkeit der Strömung eine Strecke nördlich von Kap Dan bedeutend geringer ist als in der Nähe und südlich davon. Es ist auch unter den norwegischen Seehundsfängern, die in der Dänemarkstraße auf Fang ausgehen, ganz allgemein bekannt, daß die Strömung an Gewalt zunimmt, je mehr man sich dem Kap Dan nähert. Mehrere norwegische Seehundsfänger sind auch kürzere oder längere Zeit unterhalb der Küste im Eise stecken geblieben, die Bewegung des Eises ist aber, soweit ich es habe erfahren können, nicht bedeutend gewesen (vergl. auch oben die Fahrt des „[Viking]“ 1882).
[70] und [70*] Siehe hierüber „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9. Kopenhagen 1889, Seite 26.
[71] W. A. Graah: Entdeckungsreise an die Ostküste von Grönland 1828-31, Kopenhagen 1832.
Kapitel XI.
Nordwärts an der Ostküste entlang. Zusammentreffen mit Eskimos.
as Erste, was wir thaten, nachdem wir glücklich das Eis überwunden hatten, war dem Lande zuzustreben; wir mußten ja so bald wie möglich Grönlands Felsenboden unter unsern Füßen fühlen, und außerdem hatte ich schon vor längerer Zeit versprochen, an dem Tage, an dem wir unsern Fuß auf festen Grund setzen würden, eine Festmahlzeit mit Schokolade anzurichten.
Gerade vor uns und zunächst lag die Insel Kutdleck mit ihrer hohen, abgerundeten Kugelform. Dort konnten wir jedoch nicht landen, es würde uns zu weit von unserm Kurs abgeführt haben, der nordwärts ging. Wir steuerten deswegen lieber über das offene Wasser auf die nördlich gelegene Insel Kekertarsuak zu.
Auf dem Wege dahin kamen wir an einen mächtigen Eisberg, der hier in dem offenen Wasser bis auf den Grund reichte. Auf seinem weißen Rücken saßen Unmengen von Möven, die gleich dunklen Punkten darüber hingestreut waren. Indem wir vorüberfuhren, fiel ein kolossales Stück Eis mit großem Getöse ins Wasser, Scharen von Möven wurden aufgeschreckt und umflatterten uns mit ihrem einförmigen Geschrei. Dies war ein ganz neues Leben, und wir empfanden es als eine große Wohlthat, ungehindert im offenen Wasser vorwärts rudern zu können.
Als wir eine Strecke weiter gekommen waren, entdeckten wir, daß doch noch allerlei Hindernisse zu überwinden seien, ehe wir das Land erreichten, denn wir stießen auf einen neuen Eisgürtel, der sich nach Süden zu am Ufer entlang erstreckte. Er war jedoch nicht breit und auch nicht sehr fest, so daß es uns nicht viel Mühe machte, ihn zu durchbrechen. Endlich glitten wir — die Böte mit norwegischer und dänischer Flagge geschmückt — unter eine steile Klippe, deren dunkle Wand sich in dem blanken Wasser spiegelte und dies fast kohlschwarz machte. Es gab einen Widerhall, wenn man sprach, — das war ein feierlicher Augenblick. Hinter dieser Klippe fanden wir einen Hafen, wo wir mit den Böten anlegen konnten. Wir wetteiferten förmlich, ans Land zu springen und Steine, wirkliche Steine unter den Füßen zu fühlen. Wir kletterten auf die Klippen hinauf, um Umschau zu halten. Wir waren wie die Kinder: ein Stückchen Moos, ein Grashalm, geschweige denn eine Blume erregte einen ganzen Sturm von Gefühlen in uns. Es war alles so neu, der Uebergang so kraß und so plötzlich. Die Lappen verschwanden augenblicklich zwischen den Felsklippen, und es währte eine ganze Zeit, ehe wir ihrer wieder ansichtig wurden.