Nachdem sich die erste stürmische Freude gelegt hatte, mußten wir unsere Gedanken auf etwas Prosaischeres richten — auf unsere Festmahlzeit. Der Kochapparat wurde auf eine Klippe unten beim Boot gestellt und in Wirksamkeit gebracht, um unsere Schokolade zu kochen. Es waren Hände genug da, die dies verrichten konnten, und da eine ganze Zeit darüber hingehen würde, so konnte ich ruhig dem Beispiel der Lappen folgen und eine kleine Gebirgstour unternehmen, um mich u. a. nach dem gen Norden führenden Wege umzusehen.
So stieg ich denn bergan, anfangs über einige kahle Klippen, dann über ein kleines Schneefeld und endlich durch Moos und Heidekraut über eine kleine Ebene, auf der große erratische Blöcke zerstreut umherlagen. Wie sonderbar war es nicht, einmal wieder einen weiten Gesichtskreis zu haben, das Meer und das Eis weit unter sich erglänzen zu sehen, rings umher Reihen hoher Felsengipfel zu erblicken, die, von einem Nebelschleier umgeben, im Sonnenschein dalagen, und dahinter das Inlandseis, das kaum so hoch war, wie der eigene Standpunkt.
Im Süden lag die Insel Kutdleck und noch weiter südwärts das schöne Vorgebirge Kap Tordenskjold. Ich begrüßte es wie einen Landsmann, nicht nur der Name, sondern auch die Form war mir heimisch. Ich setzte mich auf einen Stein, um eine Skizze aufzunehmen und mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Wie ich so da saß, mich meiner Umgebung und meines Lebens freuend, hörte ich etwas summend durch die Luft herannahen und bei meiner Hand Halt machen. Es war eine auffallende alte, wohlbekannte Musik, — ich sah nach, und richtig — eine Mücke, eine lebendige Mücke! Und der einen folgten bald mehrere. Ich ließ sie ruhig stechen, — es war mir eine wahre Wonne. Sie gaben mir fühlbare Beweise, daß ich mich auf festem Grund und Boden befand, diese lieben, kleinen Wesen, die dort saßen und sich rund und roth saugten, — es war sicher lange her, seit sie zuletzt Menschenblut gekostet hatten. Wie ich später erzählen werde, sollten wir freilich gar bald dieser Wonne überdrüssig werden.
Ich hatte eine ganze Weile dort oben gesessen, als ich ein Zwitschern vernahm und einen Schneesperling erblickte, der sich dicht neben mir auf einen Stein niederließ, den neu angekommenen Gast verwundert betrachtend, indem er das Köpfchen bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte; dann zwitscherte er wieder, hüpfte auf den nächsten Stein, wo er noch eine Weile sitzen blieb, guckte mich abermals an und — weg war er. Es ist stets schön, dem Leben zu begegnen, nicht am wenigsten wo es in Form kleiner zwitschernder Vögel zu uns kommt, es erweckt einen Wiederklang der Vogelnatur in uns selber, besonders wenn man Frühling und Sommer so lange entbehrt hat.
Von hier oben herab konnte ich eine ganze Strecke nordwärts schauen. Es hatte den Anschein, als wenn wir auf der ersten Strecke Schlampeis haben würden, aber ein wenig nördlich von Inugsuit wurde das Eis scheinbar fester und möglicherweise würden wir dort Mühe haben, uns hindurch zu arbeiten.
Aber es war jetzt an der Zeit, sich wieder zu den Anderen hinabzubegeben, — jetzt mußte wohl die Schokolade fertig sein. Als ich unten anlangte, war jedoch die Schokolade keineswegs fertig, das Wasser kochte noch nicht einmal. Meine Begleiter hatten auf dem Treibeis keine allzugroße Uebung im Kochen gehabt. Ich benutzte die Wartezeit, um eine photographische Aufnahme von dieser Scene und von diesem Ort zu machen, der ja in der Geschichte unserer Entdeckungsreise einen hervorragenden Platz einnimmt.
Endlich war man fertig, und sechs begierige Kehlen konnten in langen Zügen den herrlichen, kochendheißen Göttertrank einsaugen. Außer reichlicheren Rationen als sonst wurden heute noch Extra-Rationen in Form von Hafercakes, Schweizerkäse, Mysekäse und eingemachten Preißelbeeren vertheilt. Das war wirklich eine königliche Mahlzeit, wie wir sie noch nicht abgehalten hatten, aber wir hatten sie auch verdient und wir genossen sie. Die Stimmung war sehr animirt.
Es wurde beschlossen, daß wir uns ausnahmsweise einmal Zeit lassen und das Leben in vollen Zügen genießen wollten, damit mußte es dann aber auch ein Ende haben. Von nun an lautete die Parole: So wenig Schlaf wie möglich, so wenig und so schnelles Essen wie möglich, so viel Arbeit wie möglich. Unsere Nahrung sollte im wesentlichen aus Wasser, Biskuits und gedörrtem Fleisch bestehen. Wir hatten wenig oder gar keine Zeit, um uns etwas zu kochen oder uns mit frischem Fleisch zu versehen, obwohl es Wild genug gab. Die beste Zeit war bereits verloren gegangen, es blieb nur noch wenig übrig von dem kurzen, grönländischen Sommer, aber noch mußten wir die Westküste erreichen können, wenn wir nur die Zeit gut ausnutzten. Es galt nur, energisch darauf loszugehen, — und das thaten wir.
Die Insel Kutdleck und Kap Tordenskjold, von Kekertarsuak aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)