Als wir um fünf Uhr des Nachmittags endlich fertig waren, gingen wir wieder in die Böte und zogen nordwärts an der Küste entlang.

Eine Strecke lang ging alles leicht und gut. Das Fahrwasser war glatt und offen. Gegen Abend aber verschlimmerte sich die Situation. Das Eis wurde dichter, wir konnten es oft nur mit Mühe durchbrechen. Zuweilen stießen wir freilich auf lange offene Stellen, wo wir schnell vorwärts rudern konnten. Blutroth versank die Sonne hinter den Bergen, die Nacht war still und sehnsuchtserweckend, der Tag lag hinter den Zinnen und Gipfeln und träumte. Die ganze Nacht hindurch arbeiteten wir uns in nördlicher Richtung durch das Eis. Um Mitternacht war es schwer zu sehen, wenn man aber genau acht gab, konnte man das Schlampeis und das Wasser von dem festen Eise durch den Wiederschein unterscheiden, den sie von dem gelblich rothen Nachthimmel gaben.

Ich strebte danach, nordwärts zu kommen, denn wir hatten nicht mehr weit bis zu dem berüchtigten Gletscher Puisortok, an dem Kapitän Holm auf seiner Reise längs der Küste i. J. 1884 von dem Eise volle 17 Tage zurückgehalten wurde. Ich hielt es für eine Möglichkeit, daß der Grund für den bösen Ruf, den dieser Ort hat, darin liegen könne, daß das Treibeis hier durch die Strömung besonders stark zusammengedrängt werde, und deshalb war es für mich von größter Wichtigkeit, diese gefährliche Stelle so früh wie möglich zu erreichen, um die erste günstige Gelegenheit, wo das Eis sich zertheilte, benutzen und vorbeikommen zu können.

Unser erster Landungsplatz an der Ostküste Grönlands.
(Nach einer Photographie.)

Im Laufe der Nacht gelangten wir unter das Vorgebirge Kangek oder Kap Rantzau, hier wurde das Eis so fest, daß wir nicht mehr so rudern konnten, wie bisher, sondern uns hauptsächlich durchbrechen mußten. Unseren Aexten, Bootshaken und Brechstangen mußte das Eis indessen weichen, und wir kamen beständig vorwärts. Was die Sache noch erschwerte, war, daß sich auf dem Wasser zwischen den Schollen neues Eis bildete; dies nahm während der Nacht an Dicke zu und war unsern Böten sehr hinderlich. Es hielt sich bis hoch in den folgenden Tag hinein. Gegen Morgen fingen die Kräfte an zu erschlaffen, wir hatten lange gearbeitet, waren hungrig, denn seit unserer gestrigen Festmahlzeit hatten wir nichts genossen, und Einige von uns waren so müde, daß sie kaum die Augen mehr offen halten konnten. In unserem Streben, nordwärts zu gelangen, und in unserer Freude über dies neue Leben hatten wir die Bedürfnisse des Körpers ganz vergessen, — jetzt meldeten sie sich mit verdoppelter Macht. Wir legten deswegen an einer Eisscholle an, um ein wenig Rast zu halten und unser Frühstück einzunehmen, obwohl wir eigentlich das Gefühl hatten, daß jetzt keine Zeit zur Ruhe sei. Da kam der Tag, es wurde heller und heller, eine rothe Gluth entzündete sich dort unten im Nordosten am Horizont, — strahlend stieg die Feuerkugel über den Eisrand empor. Körper und Seele badeten sich in dem Lichtmeer, alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Und von neuem ging’s an die Arbeit im Lichte des jungen Tages.

Das Eis aber war dichter denn je zuvor, — Zoll für Zoll, Fuß für Fuß mußten wir uns durchbrechen und kämpfen, um nordwärts zu gelangen. Oft sah es fast hoffnungslos aus aber — vorwärts mußten wir und vorwärts kamen wir.

Wir ruderten an Kap Rantzauvorüber, vorüber an Karra akungnak, bekannt von Holms und Gardes Reisen i. J. 1884, und kamen ans Kap Adelaer, hier aber wurde es schlimmer denn je; die großen, mächtigen Schollen lagen fest aufeinander gepreßt. Mit unseren langen Haken versuchten wir sie auseinander zu stoßen, aber es nützte nichts, — wir hieben alle sechs auf einmal zu, sie lagen unbeweglich da, — noch einmal versuchten wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte, — jetzt wichen sie einen Zoll voneinander, das machte uns Muth; noch einmal drauf los! sie gaben ein wenig nach; das half; nur nicht nachlassen! Bald haben wir sie soweit auseinandergetrieben, daß die Böte hindurchgleiten können, wenn man die vorstehenden Ränder mit der Axt abschlägt. Dann schiebt man die Böte bis zur nächsten Scholle hindurch; hier wiederholt sich dieselbe Geschichte. Mit vereinten Kräften, die wir bis zum äußersten anstrengen, zwingen wir uns vorwärts. Es erfordert eine nicht geringe Uebung, das Boot sicher durch dies gefährliche Fahrwasser zu führen. Man muß einen Blick dafür haben, wo die Eisschollen am besten anzugreifen sind, um sich einen Weg hindurch zu bahnen, man muß die Kräfte, die einem zur Verfügung stehen, aufs beste zu verwerthen wissen, und man muß die Gelegenheit gewandt benutzen, um die Böte glücklich durch die auseinandergeschobenen Eisschollen zu bringen, denn diese schließen sich augenblicklich wieder, und wenn die Böte dann nicht auf der anderen Seite angelangt sind, werden sie unbarmherzig zermalmt. Es geschah mehrmals, wenn wir nicht schnell genug waren, daß ich Sverdrups Boot, das dicht hinter dem unseren folgte, zwischen die Eisschollen eingeklemmt sah, so daß die Seiten ganz eingedrückt wurden, aber es war elastisch und wurde stets im letzten Augenblick hindurch gezwungen, ohne daß ein Unglück geschah.

Wir zwingen uns einen Weg nach Norden zu durch das Eis.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)