Schließlich kamen wir auch an Kap Adelaer vorüber und arbeiteten uns fortwährend durch dichtes Eis hindurch am Lande entlang, bis zu dem nördlich gelegenen Vorgebirge, dem ich den Namen Kap Garde gegeben habe.
Wir erreichten es endlich um die Mittagszeit und beschlossen, hier zu landen, um uns durch Nahrung und Schlaf zu erquicken; diese Ruhepause hatten wir nach fast vierundzwanzigstündiger Arbeit reichlich verdient. Wir hatten soeben unsere Böte mit großer Mühe an den steilen Klippen emporgezogen, unser Zelt aufgeschlagen und uns an das Abwägen unserer Mahlzeit gemacht, als sich etwas ganz Unerwartetes, uns fast unglaublich Erscheinendes ereignete.
Ich glaube, es wird von Interesse sein, wenn ich es mit denselben Worten wiedergebe, mit denen ich es am nächsten Morgen in meinem Tagebuch verzeichnete:
„Es war gestern (30. Juli) ungefähr um die Mittagszeit (11 Uhr?), als wir nach einer unglaublich mühseligen Fahrt durch das Eis bei — nun, nennen wir es vorläufig Kap .... auf der Nordseite von Karra akungnak angelegt hatten, um ein wenig Nahrung zu uns zu nehmen und endlich einige Stunden zu schlafen. Den vielgefürchteten Puisortok hatten wir vor uns, hofften ihn aber noch selbigen Tages passiren zu können. — — Während wir aßen, oder vielmehr während der Zubereitung unserer einfachen Mahlzeit, vernahm ich zwischen Mövengeschrei und anderem Geräusch Rufe, die eine fabelhafte Aehnlichkeit mit menschlichen Stimmen hatten. Ich machte meine Gefährten darauf aufmerksam, aber es war so wenig wahrscheinlich, in dieser Gegend Menschen anzutreffen, daß wir so lange wie möglich versuchten von Lumme (Columbus) und ähnlichen Vögeln zu sprechen, deren es hier freilich wohl ebensowenig giebt wie Menschen. Trotzdem beantworteten wir die Rufe ein paarmal. Sie kamen beständig näher. Gerade als wir mit den letzten Theilen unserer Mahlzeit beschäftigt sind, vernehmen wir einen Ruf, der so deutlich und so nahe klingt, daß die Meisten aufspringen und einer von uns darauf schwört, daß es keine Lumme gewesen ist; selbst die eifrigsten Anhänger der Lummentheorie werden zweifelhaft. Es währt auch nicht lange, bis Balto, der mit dem Fernrohr bewaffnet auf einen Felsblock geklettert ist, uns zuruft, daß er zwei menschliche Wesen sehen kann. Ich springe selbst zu ihm hinauf, und richte das Fernrohr auf zwei schwarze Punkte, die zwischen den Eisschollen bald zusammen fahren, bald wieder auseinanderschnellen. Sie scheinen nach einer Durchfahrt zu spähen, denn sie gehen mehrmals vorwärts und wieder zurück, — aber sieh, da kommen sie gerade auf uns zu, gleich Mühlenflügeln bewegen sich die Ruder in der Luft. Es sind zwei kleine Menschen in ihren Kajaks. Sie kommen näher und näher. Balto setzt eine halb verwunderte, halb ängstliche Miene auf und sagt, er fürchte sich fast vor diesen wunderlichen Wesen. Da kommen sie, der Eine beugt sich gleichsam zum Gruß in seinem Kajak vornüber (das war nun freilich nicht der Fall), der Andere thut nichts. Mit einem einzigen Ruderschlag legen sie an der Klippe an, kriechen aus ihren Kajaks, der Eine trägt das seinige hinauf, der Andere läßt das seine im Wasser liegen, — und dann stehen sie vor uns, die beiden ersten Repräsentanten dieser viel besprochenen Heiden (auf der Ostküste Grönlands). — War der erste Eindruck günstig? Ja, unbedingt, — zwei freilich etwas wilde, aber freundliche Gesichter lächeln uns an. Der Eine trug ein Seehundswams und Seehundsbeinkleider, die ein gutes Stück bloßen Leibes sehen ließen, sowie „Kamiken“ und als einzige Kopfbekleidung ein Perlenband. — — —“
Hier wurden meine Tagebuchaufzeichnungen über diese seltsame Begegnung unterbrochen, die Erinnerung daran steht indessen so lebendig vor meiner Seele, als habe es sich gestern zugetragen, und infolgedessen ist es nicht schwer, die Lücke auszufüllen. Der andere Grönländer trug zu unserer Verwunderung theilweise Kleider europäischen Ursprungs, indem der Oberkörper mit einem „Anorak“, ein jackenähnlichen Kleidungsstück aus blauem Baumwollzeug mit weißen Tupfen bedeckt war, — an den Beinen hatte auch er Beinkleider aus Seehundsfell und Kamiken (so wird die eigenthümliche Fußbekleidung der Grönländer genannt). In der Mitte des Leibes war ein gutes Stück völlig nackend wie bei seinem Kameraden.
Auf dem Kopfe hatte er eine sonderbare breite, flache Mütze mit einem Schirm, der aus einem mit blauem Baumwollstoff überspannten Tonnenreifen gebildet war. Ueber die ganze obere Fläche der Mütze erstreckte sich ein rothes und weißes Kreuz. Diese Art Mützen in verschiedenen starken Farben, in der Regel mit einem Kreuz verziert, sind sehr allgemein unter den Eskimos der Ostküste, sie benutzen sie auf ihren Fahrten in den Kajaks, theils weil sie nützlich sind, indem der Schirm sie gegen die Sonne schützt, theils weil sie dieselben für eine Zierde halten. Ich sah sie später voller Stolz ihre Mützen vorzeigen.
Diese Beiden waren kleine Menschen, scheinbar noch ganz jung, und der Eine, der nur ein Perlenband im Haar trug, war geradezu hübsch. Er hatte eine dunkle, fast kastanienbraune Hautfarbe und langes, rabenschwarzes Haar, das mit der Perlenschnur aus dem Gesicht gehalten wurde und tief über Nacken und Schulter herabfiel, — dazu ein breites, rundes Gesicht mit beinahe regelmäßigen, weichen Zügen, die eine beinahe weibliche Schönheit hatten, so ausgeprägt weiblich, daß wir lange in Zweifel waren, ob wir wirklich einen Mann vor uns hätten. Sie waren von leichtem, geschmeidigem Bau und graziösen Bewegungen.
Bei uns angekommen, begannen sie zu lächeln, zu gestikuliren und durcheinander zu sprechen in einer Sprache, von der wir natürlich kein Wort verstanden. Sie zeigten gen Süden und zeigten gen Norden über das Eis hinüber und über das Land hinweg, dann zeigten sie auf uns, auf die Böte und auf sich selbst, und während der ganzen Zeit stand ihnen der Mund nicht still. Sie waren ganz ungewöhnlich beredt, aber nichtsdestoweniger verstanden wir kein Wort. Wir lächelten ihnen wieder zu und starrten sie mit einem dummen Gesicht an, während die Lappen sich nicht recht wohl dabei zu befinden schienen. Sie fürchteten sich ein wenig vor diesen „wilden Menschen“ und hielten sich in der Entfernung.
Dann suchte ich einige Papiere heraus, auf die ein Bekannter auf Grönländisch eine Reihe von Fragen geschrieben hatte, deren Beantwortung für mich von Interesse sein konnte. Ich versuchte nun hiernach, einige Fragen an sie zu richten, wie ich meinte auf gut Grönländisch, nun aber kam die Reihe dumm auszusehen an sie. Ich versuchte es nochmals, aber mit demselben Resultat, — sie verstanden kein Wort. Nach noch einigen Versuchen, warf ich verzweifelt die Papiere fort, und nahm meine Zuflucht zu Zeichen, das ging besser, und nun bekam ich heraus, daß sie ihrer Mehrere waren und daß sie auf der Nordseite von Puisortok wohnten oder sich dort in einem Lager befanden, daß man sich hart an den Gletscher halten müsse, um nordwärts zu gelangen. Dann zeigten sie auf Puisortok und machten eine Menge sonderbarer Gebärden, wobei sie eine ernste, bedenkliche Miene aufsetzten und eine Unmenge redeten, was wahrscheinlich bedeuten sollte, daß dieser Gletscher sehr gefährlich sei, daß man sich deswegen in acht nehmen müsse. Die Ostgrönländer haben nämlich eine Menge abergläubischer Begriffe von diesem Gletscher. Da versuchten wir ihnen denn begreiflich zu machen, daß wir nicht von Süden her am Land entlang gekommen seien, sondern über das Meer, was nur einen langen brummenden Laut zur Folge hatte, fast wie das Brüllen einer Kuh, und der wohl den höchsten Grad von Verwunderung bedeuten sollte. Sie betrachteten gleichzeitig uns und einander mit einer zweifelhaften Miene, sie glaubten natürlich kein Wort oder richtiger kein Zeichen davon, oder auch wir mußten übernatürliche Wesen sein. Und das letztere war ihnen wohl im Grunde nicht unwahrscheinlich.
Dann begannen sie, unsere Ausrüstung zu bewundern, — die Böte zogen vor allem ihre Aufmerksamkeit auf sich, besonders erregte der Eisenbeschlag ihre höchste Bewunderung.