Wir gaben Jedem ein Stück Fleischbiskuit, worüber sie sehr erfreut waren, sie aßen ein kleines Stück davon und hoben das Uebrige auf, das wollten sie augenscheinlich mit in das Lager nehmen. Die ganze Zeit hindurch standen sie da und zitterten und froren, was schließlich nicht so merkwürdig war, denn sie hatten nur wenig Zeug an und waren, wie gesagt, in der Mitte des Leibes nackend; auch war die Witterung nicht gerade mild. Sie machten einige bezeichnende Gebärden, daß sie hier auf der Klippe frören und wieder in ihre Kajaks zurückkehren wollten. Durch Zeichen befragten sie uns, ob wir nach Norden hin kämen, worauf wir eine bejahende Antwort gaben, dann zeigten sie noch einmal warnend auf den Puisortok und gingen an den Strand hinab. Hier zogen sie ihre Halbpelze an, legten die Kajaks zurecht und krochen dann behende und leicht wie Katzen hinein. Mit wenigen Ruderschlägen flogen sie leicht und lautlos über den Meeresspiegel dahin. Bald gingen die Ruder wie Mühlenflügel, während sie zwischen den Eisschollen dahin schossen, bald hielten sie an, um sich einen Weg zu bahnen und das Eis zur Seite zu schieben oder um eine Durchfahrt zu erspähen, bald erhob sich der Arm zum Wurf, er wurde gesenkt, hielt einen Moment still, während der Pfeil eingestellt wurde, und dann schnellte er vorwärts gleich einer Stahlfeder, indem der Pfeil vom Wurfgeschoß sauste. Und während alledem entfernten sie sich mehr und mehr, bald sahen wir sie nur noch als zwei schwarze Punkte zwischen dem Eise dort oben in der Nähe des Gletschers, dann bogen sie um einen Eisberg und verschwanden aus unserm Gesichtskreis. Und wir blieben zurück, über diese erste Begegnung mit den Eskimos der Ostküste grübelnd. Es war so sonderbar und so unerwartet, hier Menschen zu treffen, wo ja nach Holms und Gardes Erfahrungen keine wohnen sollten, daher schlossen wir, daß unsere neuen Bekannten sich auf der Reise befunden hatten, und nachdem wir zu diesem Resultat gekommen waren, begaben wir uns in unser Zelt und krochen in unsere Schlafsäcke. Es währte auch nicht lange, bis wir Alle in einen tiefen Schlaf gefallen waren.
Diese eben erzählte Begebenheit schildert Balto ein ganzes Jahr später und obwohl er niemals mein Tagebuch gelesen hatte, fast gleichlautend mit meinen Aufzeichnungen. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, die betreffende Stelle hier wiederzugeben:
„Während wir aßen, hörten wir Laute, die wie Menschenstimmen klangen, wir glaubten aber, daß es ein Rabe sei, welcher krächzte. Nach einer kleinen Weile hörten wir dieselben Laute wieder; Einige von uns glaubten, daß es Wasservögel seien, welche schrien. Ich nahm das Fernrohr und lief auf einen Felsblock hinauf und spähte um mich. Da sah ich etwas Schwarzes, das sich auf eine Eisscholle zu bewegte. Ich rief: „Dort hinten kann man zwei Männer auf dem Eise sehen.“ Nansen kam sofort herbeigelaufen und sah durch das Fernrohr. Wir hörten sie nun ihre heidnischen Gesänge singen (?) und wir riefen sie an. Sie hörten uns gleich und ruderten auf uns zu, und es währte nicht lange, bis sie bei uns waren. Als sie sich uns näherten, verbeugte sich der eine tief mit dem ganzen Körper, und als sie an den Strand kamen, nahm jeder seinen Kajak in die Hand und ging auf das Land hinauf. Als sie an uns herankamen, riefen sie Beide im Chor: „iö, iö!“ was soviel heißen sollte, als daß sie sich wunderten, was für eine Art von Leuten wir wohl seien. Wir versuchten nun, mit ihnen zu reden, aber wir verstanden kein Wort von ihrer Sprache ...“
Am Nachmittag, ungefähr um 6 Uhr, erwachte ich und sprang aus dem Zelt, um nach dem Eis zu sehen. Es wehte ein frischer Wind vom Lande her, und das Eis hatte sich noch mehr zertheilt als vorhin. Es schien nach Norden zu gutes Fahrwasser zu sein, da weckte ich denn die Gefährten.
Bald waren wir in den Böten und richteten unsern Kurs auf den vielgefürchteten Puisortok. Wir hatten das herrlichste Fahrwasser von der Welt. Ich fürchtete indessen, daß es schlimmer werden würde, wenn wir weiter vorwärts gelangten, aber dies war keineswegs der Fall. Das Eis, das dort lag, bestand im wesentlichen nur aus größeren oder kleineren Stücken Gletschereises, und das ist in der Regel weit leichter als das Treibeis mit Holzböten zu passiren, die nicht wie Fellböte von dem Eis zerschnitten werden können. Am hinderlichsten war uns der Umstand, daß das Wasser an einzelnen Stellen zwischen den Eisschollen mit einer Unmenge von ganz kleinen Stücken Gletschereises angefüllt war. Ohne weitere Störungen kamen wir an dem Gletscher vorüber, mehrmals ganz dicht an seine lothrechte Eiswand hinanrudernd, die in allen blauen Gletscherfarben spielt, von dem tiefsten Blau drinnen in den Spalten und Schluchten bis zu dem hellsten Milchblau an den geraden Eiswänden und höher gelegenen Stellen, die noch zum Teil mit Schnee bedeckt sind.
Was diesen Gletscher eigentlich so gefürchtet gemacht hat, verstehe ich nicht, denn er hat nur eine ganz unbedeutende Bewegung, wirft infolgedessen nur wenig Eis ab, und wenn dies der Fall ist, sind es doch stets nur kleinere Stücke, die herunterfallen, denn es liegt nicht viel Eis in der Nähe.
Bereits Graah und sogar mehrere Schriftsteller vor ihm, berichten indessen von der übertriebenen Furcht der Eskimos vor diesem gefährlichen Gletscher, der stets bereit ist, herabzustürzen und die Vorüberfahrenden zu zerschmettern, und der selbst weit draußen im Meer plötzlich große Eismassen aus der Tiefe emporschleudere und Böte und Mannschaft vernichten kann. Der Name Puisortok deutet auch auf diese Annahme hin. Er bedeutet nämlich: der Ort, an dem etwas emporgeschnellt wird, und ist nicht ganz allein dastehend an der Ostküste. An mehreren Stellen trifft man denselben Namen in Verbindung mit dem Gletscher, — was dies eigentlich bedeuten soll, ist mir nicht ganz klar. Daß Holms und Gardes grönländische Mannschaft ebenfalls eine abergläubische Furcht vor diesem Gletscher hegte, davon erhält man einen deutlichen Eindruck, wenn man ihren interessanten Bericht ließt. Garde erzählt, daß die Bewohner der südlichen Westküste die Auffassung haben, daß man, indem man den Puisortok passirte, unter einer überhängenden Eiswand hinweg ruderte, die jeden Augenblick herabstürzen könne, sowie über Eismassen, die unter dem Wasser verborgen lägen und nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um emporzuschnellen und die vorüberziehenden Böte zu zertrümmern.
Diese abergläubischen Vorstellungen haben die Bewohner der Westküste natürlich von den an der Ostküste ansässigen Heiden erhalten, mit denen sie zusammengetroffen sind. Diese besitzen sogar eine ganze Reihe von Vorschriften darüber, wie man sich bei dem Passiren des Puisortok zu verhalten hat, um mit heiler Haut davon zu kommen, — man darf nicht sprechen, nicht lachen, nicht essen, nicht rauchen, während man vorüberfährt, auch darf man den Gletscher nicht ansehen und vor allem das Wort Puisortok nicht aussprechen. Wenn man es thut, so stört man den Gletscher, und das bedeutet einen gewissen Untergang.
Sei dem, wie ihm wolle, — eins steht fest, der Puisortok verdient seinen üblen Ruf nicht. Wie ich später entdeckte, ist er wahrscheinlich ein verhältnißmäßig kleiner lokaler Gletscher, der auf einem Gebirgsrücken liegt, welcher auf der Innenseite durch ein Thal von dem eigentlichen Inlandseise getrennt wird. Dies ist auch der Grund für die äußerst geringe Bewegung, die Garde nachgewiesen hat.[72]
Das einzig Merkwürdige an diesem Gletscher ist, daß er mit einer so großen Fläche an die See stößt. Garde giebt seine Breite auf ¾ Meilen an, und das scheint mir durchaus zutreffend zu sein. Hierin muß, wie auch Garde annimmt, der Grund für die Furcht der Eskimos vor diesem Gletscher liegen; wenn sie an der Küste entlang fahren wollen, müssen sie hart an ihm vorüberrudern, da er direkt am Meer liegt ohne jegliche Scherenbildung. Die Eskimos fahren überhaupt nur ungern an Gletschern vorüber, was auch nicht so merkwürdig ist, da diese Gletscher oft Eis ins Wasser abschieben, oder auch kleinere Stücke von ihnen herabfallen, was leicht ein Unglück anrichten kann. Wenn sich ein Boot in einem solchen Augenblick vor einem Gletscher befindet, so ist es gewiß in den meisten Fällen rettungslos verloren, denn selbst wenn es nicht direkt von den herabstürzenden Eismassen getroffen wird, so geräth das Wasser doch in eine so heftige Bewegung, und die treibenden Eisstücke und Eisschollen werden so heftig gegeneinander geschleudert, daß ein Boot wohl nur schwer dem Untergang entrinnen würde.